Mai 14, 2012

Räuberpistolen

Die letzte Woche durfte ich mich an den Schulen meiner Fachseminarleiterinnen tummeln, ein paar Doppelstunden hospitieren, diese reflektieren und teilweise eigene Einheiten planen. Hört sich nach drei entspannten Stunden pro Tag an, kann sich aber mit diskussionsfreudigen Kollegen entweder zu einer zähen oder einer spannenden Auseinandersetzung entwickeln.

Heute war wieder ein gewöhnlicher Seminartag, Kernseminar und die zwei Fachseminare. In der ersten Veranstaltung sollten wir eine erste Stunde mit einer neuen Klasse simulieren, wobei diese sich dann wieder auf die ersten fünf Minuten beschränkte. Ich war überrascht, dass sich kaum ein Referendar freiwillig meldete, insofern ging dann eben mein Finger nach oben. Für die Vorstellung habe ich eine erste Italienisch-Stunde simuliert und bei der Vorbereitung habe ich vor allem auf die Ausführungen bei der Spanischlehrerin gesetzt. Lief ziemlich geschmeidig, positiv hervorgehoben wurde vor allem der Aspekt, dass zunächst einmal inhaltliche Aspekte angesprochen wurden und nicht gleich organisatorische Dinge in die Klasse geschleudert wurden.
Ansonsten sind auch Seminarleiter vor Unterrichtsbesuchen nicht sicher, Kommentar eines anderen Referendars: “Hört das denn nie auf?” Hoffen wir mal, dass dieser Besuch heute keinen angstmachenden Hintergrund hat, genug Räuberpistolen über heimtückische Seminarleiter sind ja schon im Umlauf.

Mai 2, 2012

Aufgalopp

Einige Tage als Referendar liegen nun hinter mir und eine Frage kann ich schon nicht mehr hören: “Was ist Ihre Fächerkombination?” Dicht folgen “Wo haben Sie eigentlich studiert?” und “Warum sind Sie denn nach XY gekommen?”. Eine altgediente Lehrerin erzählte mir heute, dass man früher[tm] das Referendariat eigentlich ausschließlich in dem Bundesland ableistete, in dem man auch studierte. Wenn ich dies als Maxime hätte, könnte ich wahrscheinlich noch so drei Jahre in der sozialen Hängematte liegen oder müsste bei zersprengten Vertretungsjobs meinen Unterhalt erarbeiten. In Nordrhein-Westfalen ist jedoch die Situation wesentlich komfortabler, insofern waren bei den Einführungstagen fast nur Landeskinder anzutreffen, die jedoch relativ verblüfft von den Gästen aus Fern-Ost waren.
Die Verkürzung des Referendariats auf 18 Monate war nicht nur bei Kreide fressen ein Thema, sondern wurde auch von unseren Ausbildern in die Runde geworfen. “Den Druck möglich klein halten” trotz eines zeitnahen Unterrichtsbesuches, verbunden mit dem freundlich-bestimmten Hinweis, möglichst geschwind vom Hospitieren zum Hantieren überzugehen. Aber jetzt geht es erst einmal mehrere Tage zu den diversen Seminaren, bevor man sich dann auf der echten Schaubühne präsentieren darf.

April 16, 2012

Auf der Schulhomepage

Vor einigen Monaten hatte Herr Rau darüber sinniert, was auf der Schulhomepage über die Lehrer der Einrichtung veröffentlicht werden darf. Ich finde es recht sympathisch, wenn ein bisschen mehr als nur der Name und die Fächerkombination zu finden wäre, auch wenn man nicht gerade Interviews aus der Schülerzeitung veröffentlichen muss. An Schulen in Italien und Niederlanden wird übrigens fast nichts über die Lehrer auf der Homepage der Schule publiziert, Fotos vom Kollegium oder von der Fachschaft sind nur äußerst selten zu finden. Liegt das vielleicht auch an der höheren Fluktuation in der Lehrerschaft?
Abseits der Homepage scheint eine Facebook-Seite immer bedeutender zu sein. Einrichtungen wie das Goethe-Institut haben klare Richtlinien, wie der Facebook-Auftritt auszusehen hat, beispielsweise die Frequenz der Veröffentlichungen oder auch Privacy-Regeln. Gibt es entsprechende Direktiven oder Verantwortliche an deutschen Schulen? Mir scheint es bisher, dass auf diesen Bereich recht wenig Augenmerk gewidmet wird, ein bisschen wie in den Anfangsjahren der Schulwebseiten, als vor allem Geeks aus der Schülerschaft in Eigeninitiative eine Homepage mit HTML und CSS bauten.

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April 8, 2012

Ich bin bald einer von ihnen

In rund einem Monat wird sich dieses Blog wahrscheinlich in einen Ort der Frustration und Verzweiflung verwandeln. Ich beginne dann den Vorbereitungsdienst für Lehrämter.
Obwohl ich schon einige Erfahrungen im Schulbetrieb gesammelt habe, habe ich momentan noch keine konkrete Vorstellung, wie sich diese Zeit gestalten wird. Klar, stressig wird es. Das habe ich oft genug von Freunden gehört und über andere Quellen erfahren. Aber ich stürze mich relativ gerne in Arbeit, lasse mich mit Wohlwollen von interessanten und auch mühseligen Aufgaben einschließen, ich habe eigentlich richtig viel Lust auf die neuen Herausforderungen im Vorbereitungsdienst. Jedoch hoffe ich, dass mich die Masse nicht langsam erdrücken wird. Die Geschichten von Referendaren, die nicht mehr ohne Beruhigungsmittel auskamen oder auf sämtliche Hobbys verzichteten, lassen aufhorchen. Aber auf der anderen Seite kenne ich genug Leute aus meinem Uni-Karriere (ich bin Nachzügler), die diese Zeit nicht zermürbt hat, zumindest nicht allzu sehr.
Fast schon selbstverständlich gehe ich davon aus, dass ich zwischen diversen Stühlen sitzen werde und während der ersten Unterrichtsbesuche Kritik auf mich einhageln wird. Ist es vernünftig, eine solch freudlose Einstellung zu entwickeln oder sollte man sich etwas Naivität behalten? Wie soll man überhaupt als Referendar auftreten? Als offenherziger, zweifelnder Lehrling oder lieber als abgezockter, überheblich wirkender Meister seines Faches?

März 25, 2012

Melotti, Calvino und der nicht bestellte Espresso

Es hat sich jetzt bei mir eingebürgert, dass ich am Sonntag oft in eines der unzähligen Museen in Neapel gehe, heute im MADRE – Museo d’Arte contemporanea DonnaREgina. Zwei Dinge fand ich dort bemerkenswert:

    • Derzeit ist im Madre eine Sonderausstellung zu Fausto Melotti zu bewundern. Melotti beschäftigte sich gerade in seinem Spätwerk intensiv mit sogenannten “teatrini”, filigran-struppige Figuren aus Kupferdraht, Stofffetzen oder selbst Dominosteinen. Einige seiner Werke waren mir bereits vor dem Museumsbesuch bekannt und zwar durch die Bücher von Italo Calvino. Merke für die Zukunft: Hin und wieder sollte doch einen intensiveren Blick auf die Beschreibung eines Buchcovers werfen.Italo Calvino - Le città invisibili
    • Neben dem inhaltlichen Aspekt war es auch interessant zu sehen, dass das Museum einen besonderen Dienst für Familien anbietet. Erst kam mir nämlich eine Horde von Erwachsenen entgegen und dann am Ende des Besuchs eine Gruppe von zappeligen Kindern, welche sich mit der ersteren Gruppe vereinte und die Bestellung eines Espressos an der Museumsbar unmöglich machte. Das Angebot des Madre: Die Eltern können in Ruhe die Ausstellungen besichtigen und die Kinder bauen in der Zwischenzeit Figuren im Sinne Melottis oder toben sich an einer riesigen Leinwand aus. So einen Service bieten nicht viele Museen an und insbesondere nicht in Italien.
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März 22, 2012

An Texte Hand anlegen

Am jetzigen Dienstag konnte ich die Gelegenheit ergreifen, an dem Workshop “Vom Umgang mit Geschichten” von Leonhard P. Thoma teilzunehmen. Thoma hat selbst einige Bücher mit Kurzgeschichten im Niveaubereich A1 bis B2 veröffentlicht und hat diese natürlich im Rahmen des Seminars vorgestellt. Neben der Besprechung der Methodik, wie man kurze Erzählungen in den Unterricht einbinden könnte, war es auch ein besonderes Erlebnis, Thoma beim Erzählen seiner Geschichten zuzuhören. Gestik, Mimik und Phonetik passten wunderbar zusammen und füllten den Raum mit einem Lächeln. Es mag eine Binsenweisheit sein, aber wer kein Erzähltalent ausgebildet hat und in den Geschichten nur ein banales Hilfsmittel sieht, wird sich schwer tun, Schüler jeglicher Stufe für das Thema zu begeistern.

Ein erheiternder Eisbrecher war die Gruppenkreisel-Übung. Die Seminarteilnehmer wurden in Gruppen à vier Personen gesplittet und jeder erhielt einen Zettel mit dem Anfang “Ich habe geträumt, dass ich ein Hund war”. Danach sollte jeweils ein Satz ergänzt werden und das Blatt im Uhrzeigersinn weitergegeben werden, so dass ein neuer Satz von einem anderem Teilnehmer hinzugefügt werden konnte. Am Ende (in unserem Fall nach fünf Minuten) standen also pro Gruppe vier verschiedene Storys, die wiederum innerhalb der Gruppe bewertet sollten. Thomas gab hier einen sehr nützlichen Hinweis: Jedes Gruppenmitglied sollte “seine” Geschichte vorlesen, mit dem Vorteil, dass dadurch kein chaotisches Gewusel in der Gruppe entsteht und auch die Produkte eine entsprechende Wertschätzung finden.

Ansonsten ging der Kurs breit auf die unterschiedlichen Möglichkeiten ein, eine Kurzgeschichte als Impuls für weitere Schreibe- und Redeanlässe einzusetzen. Im Reader war dazu unter anderem ein “Handlungskasten” aus dem Aufsatz von Bernd Kast (“Literatur im Anfängerunterricht”, 1994, leider nicht online) zu finden, der gebündelt diverse Ansatzpunkte angab, wie Schüler an Texte “Hand anlegen” können.

Februar 26, 2012

Kinderkiste

Ein Teil meines Praktikums am Goethe-Institut, welches die Zeit zum Referendariat überbrücken soll, ist die Arbeit als Zweitlehrer bei jungen Deutschschülern, konkret mit Kinderm im Alter von 5 bis 13 Jahren. Meine Erfahrungen beim Unterrichten von Grundschülern tendieren gegen Null und ich habe dies in den ersten Stunden auch deutlich gespürt. Ich dachte, ein bißchen Basteln, Spielen und Singen, das wird schon kein großes Problem darstellen.  Jedoch sind die Schüler genial darin, mit relativ wenig Material ein unendliches Chaos im Raum anzurichten. Auf der anderen Seite gibt es auch Kniffe, mit denen man die Kinder zum Aufräumen motivieren kann. Meine Begleiterin spielt sowohl vor der Pause als auch vor dem Ende der Stunde einen sogenannten “Aufräum-Rap” ein, der wie ein Countdown arbeitet und unsere Schüler auf einmal zu emsigen Ameisen mutieren lässt. Ich mag diese effektive Naivität, genauso wie das ständige und ehrliche Interesse der Kinder. Es stimmt wirklich, wenn eine Aktivität ansteht, gibt es kein Raunen oder jenen mentalen Widerstand innerhalb der Schülergruppe, den man als Lehrkraft an höheren Schulen fast immer zu überwinden hat. Daran muss man sich auch erstmal gewöhnen.

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Februar 12, 2012

In der Bücherbucht

In Reiseführern über Italien wird quasi nie erwähnt, dass es in jeder größeren Stadt wunderbare Bücherläden gibt. So findet man in Neapel zwischen Piazza Bellini und Piazza Dante eine Gasse, die Via Port’Alba, voll mit kleinen Schatzkammern. Dort in einem etwas größeren Geschäft gab es gestern auf der zweiten Etage eine besondere Lesung, direkt für Kinder. Eine zierliche Frauenstimme rezitierte dort neapolitanische Märchen, die Kinder lauschten ihr und die Mütter hatten mal eine gute halbe Stunde um sich zu entspannen.
Als Gegenmodell zu den kleinen Bücherstuben stehen die Filialen von Feltrinelli, der italienischen “Thalia”. Diese Kette entwickelte sich aus dem gleichnamigen Verlag in den 50er Jahren heraus. Ähnlich wie Einaudi hatte dieser Verlag eine starke führende Hand, Giangiacomo Feltrinelli, welcher die Arbeit als Verleger auch als politische Tat begriff: Cambiare il mondo con i libri, combattere le ingiustizie con i libri (Mit Büchern die Welt verändern, mit Bücher die Ungerechtigkeiten bekämpfen). Und tatsächlich, wenn man in eine Filiale von Feltrinelli hineinspaziert, spürt man intensiv dieses Engagement. Im Gegensatz zu vielen deutschen Büchergeschäften liegen philosophische Werke und gehobene (internationale) Belletristik nicht in einer verwinkelten Ecke, sondern springen dem Besucher direkt ins Auge. Im Geschäft in Perugia waren sogar die Wände mit Autoren-Portraits im Andy-Warhol-Stil verziert. Wo findet man so etwas in Deutschland?

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Februar 11, 2012

Nachgeholfen

Herr Rau fragt, wie man mit dem Thema Nachhilfe im Schulalltag umgehen sollte. Die bisherigen Kommentare zu diesem Artikel deuten an, dass es dafür (natürlich!) kein Patentrezept gibt und in dem Bereich keine professionellen Strukturen bestehen. Ich finde es bemerkenswert, dass kommerzielle Nachhilfeinstitute nicht auf die Schulen zugehen und Kooperationen anbieten. Gibt es da juristische Bedenken?

Meine Schule in den Niederlanden hatte zumindest ganz offiziell eine Kooperation mit einer privaten Einrichtung, eine Lehrerin war dort sogar engagiert. Allerdings wurde hier nicht von Vetternwirtschaft gesprochen, im Gegenteil, die Zusammenarbeit erschien mir effektiv, da sie als Schnittstelle zwischen Schüler, Eltern, Schule und ihrer Einrichtung fungierte und somit nicht so isoliert wie die hiesigen Nachhilfe-Institute agierte. Generell fand ich die Begleitung der Schüler im psychologischen Bereich in den Niederlanden beeindruckend. Es gab sogar ein “Faalangstreductietraining”, bei dem zwei Lehrer sich um Schüler kümmern, die – auch trotz fantastischer Noten – schulische Versagensängste entwickeln.

Januar 18, 2012

Saubere Hände

Die erste Kurswoche in Perugia hat mich auch als Fußballfan angesprochen. So durfte ich die Wörter “Zidanata” und “Cassanata” in meinen Wortschatz aufnehmen. Wer die beiden Spieler Zidane und Cassano kennt, weiß sicherlich, was sich dahinter für eine Handlung bzw. Verhalten versteckt. Dies war jedoch nicht der einzige Input, der während der insgesamt 35 Kursstunden gegeben wurde. Italienische Seminare sind anders strukturiert als deutsche – auf der Halbinsel steht der Dozent im Mittelpunkt der Veranstaltung. Teilweise hatte ich Kurse, in denen der Professor drei Stunden lang quasi ununterbrochen seine Fachinhalte darlegte. Auf den ersten Blick klingt das bieder und monoton, jedoch habe ich viele Lektionen dieser Art sehr genossen. Ein enthusiastischer Erzähler ist mir tausend Mal lieber als ein Seminar mit lahmen Referaten und laschen Diskussionen.

Eine Veranstaltung in der ersten Woche hat mich sehr beeindruckt: Im Teil “Dagli ‘anni di piombo’ a ‘mani pulite’ fino alla nascita della ‘Seconda Repubblica’” wurde äußerst schematisch das politische System der Nachkriegszeit in Italien dargelegt. Dies betraf insbesondere die Geburt der beiden großen Fronten der Christdemokratie (DC) und des Kommunismus (PCI) aus dem antifaschistischen Widerstand hin zum “compromesso storico”. Dieser historische Kompromiss, der sich in den 70er Jahren einstellte, fand mit dem Attentat auf Aldo Moro im Mai 1978 ein klares Ende. Während der Vorlesung fand ich es beeindruckend, wie deutsche und italienische Geschichte in diesem Zeitraum parallel laufen und sich dann aber doch in einigen Punkten jäh unterscheiden. Der Ursprung in den Studentenprotesten, die neue Radikalität der Mittel, die enorme Intelligenz der “Roten”, aber dann die abweichende Parteienlandschaft und die heutige, in Italien quasi nicht existente Aufarbeitung.

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