Im Krebsgang

Ich war eigentlich relativ zurückhaltend mit beipflichtenden Kommentaren, wenn jemand von der schlimmen italienischen Bürokratie anfing. Ich konnte mich bisher relativ gut und ohne größere Schwierigkeiten durch dieses Netz hindurchwursteln. Diese Einstellung hat sich allerdings durch ein von mir initiiertes Projekt an meiner Schule etwas geändert.
Aber erst der Reihe nach: Meine Kernidee ist die Realisierung eines Film-Klubs, natürlich mit deutschen Titeln. Prinzipiell eine simple Geschichte: Ich leihe die DVDs aus, gebe einen Termin vor und die Schüler, die Lust haben, können kommen. Für die Publicity habe ich ein Poster erstellt und wollte für die endgültige Realisierung nur noch einen Raum wöchentlich fest reservieren. Hier aber setzte der erste Haken ein: Ich ging zur Verwaltung und wollte mit der zuständigen Sekretärin den Termin absprechen und festlegen. Geht nicht, ich muss erstmal einen Brief an die Schuldirektorin schreiben, warum und wieso und überhaupt.
Gut, gemacht und nach einer Woche intensiven Nachfragens bei dieser Sekretärin bekam ich einen Termin bei der Direktorin. Diese erklärte mir, dass das Projekt nicht so einfach durchgeführt werden kann und sie erst wissen muss, wie viele Schüler teilnehmen wollen. Dafür musste ich wieder einen Brief aufsetzen, dieses Mal an alle Klassenlehrer. Die Nachricht beinhaltete einige Informationen zum Projekt und eine Bitte, dies an die Schüler zu kommunizieren und mir eine Rückmeldung über die Anzahl der interessierten Schüler zu geben. Leider gab es innerhalb von zwei Wochen erst eine Rückmeldung, bei elf Klassen ein eher magerer Schnitt. Dies habe ich als Indiz gedeutet, wiederum direkt die Klassen zu befragen und damit vom Umweg wieder eine Abkürzung zu nehmen. Da steh ich nun, ich armer Tor…
Obskur an der Geschichte ist meines Erachtens, dass einerseits ein bürokratischer Weg gefordert wird, womit ich prinzipiell kein Problem hätte. Allerdings – und dies ist wohl der gravierende Unterschied zu deutschen Verhältnissen – wird diese Bürokratie durch gleichgültige oder zumindest nicht pflichtbewusste Teilnehmer untergraben und wird somit uneffektiv. Daher rührt auch der Effekt, die Sache schließlich selber in die Hand zu nehmen und den bürokratischen Weg unbedingt zu vermeiden. Ich bin in jedem Fall auf den Ausgang dieser Sisyphos-Geschichte gespannt und hoffe, dass sie positiv für die Schüler und mich endet d.h. dass wir schlichtweg ein paar deutsche Filme in Ruhe schauen und diskutieren können.

Es weihnachtet sehr II

Diejenigen die sich fragen, warum ich den letzten Tage keine Beiträge geschrieben habe, kann ich beruhigen: Ich war mehr als genug in unseren Miniatur-Küche beschäftigt, um gefühlte 1000 Kekse verschiedener Art (Vanillekipferl, Schokoplätzchen, Engelsaugen, Cookies) zu backen. Was tut man nicht alles, um die Reputation von Deutsch als Würstel-und-Kartoffel-Sprache zu verbessern.
Ansonsten waren die Weihnachts-Specials sehr angenehm. Die Aufgaben zum Video „10 Dinge, die man nicht zu Weihnachten tun“ wurden selbst von schwächeren Klassen relativ zackig gelöst. Für die Vorentlastung habe ich ein Weihnachtsbild der „Ohne-dich-ist-xy-doof“-Serie eingesetzt. Erste Reaktion der weiblichen Schüler war meist ein jauchzendes „Che carino!“. Man kann jedoch mit dem Bild wichtige Begriffe der Weihnachtszeit relativ zackig abarbeiten (Stern, Baum, Schneemann…).
In einer Klasse habe ich auch das Rezept für „Engelsaugen“ benutzt. Ich habe allerdings den Original-Text ein wenig gestrafft und auch einige Lücken eingesetzt. Dies lief auch ganz gut, obwohl man sich lieber nicht zu sehr auf die Backkenntnisse der Schüler verlassen sollte. Aber viel wichtiger ist, dass man durch das Rezept ganz gut das Vokabular für Lebensmittel wiederholen kann.
Als Abschluss haben wir auch ein wenig gesungen und zwar „Lasst uns froh und munter sein“. Dieses Lied bot sich aufgrund seines simplen Aufbaus auch für meine „Sorgenkinder“ an. Zunächst habe ich eine klassische Chor-Version vorgespielt, damit auch die Melodie klar wird. Im Anschluss folgte entweder eine kurze Erklärung des Textes und als krönender Abschluss wurde gesungen, mit Hilfe einer Karaoke-Version.

Zwischen den Stühlen

Wenn ich jemanden außerhalb des Schulkosmos erzähle, was ich so mache, rutscht mir oft die einfache Antwort heraus, dass ich Lehrer für Deutsch bin. Diese Erklärung vermeidet weitere mühsame Erläuterungen, ist aber im Grunde genommen falsch.
Ich stehe eine Hierarchiestufe unter derjenigen eines Lehrer, ich bin nämlich Fremdsprachenassistent. Mir fehlen so beispielsweise grundlegende Machtinstrumente wie das Androhen und Verteilen von Noten. Dies stößt mich aus dem polaren Schüler-Lehrer-Verhältnis in eine weithin undefinierte Rolle heraus, die ich Tag für Tag neu definieren und klären muss.
Wie konfus sich das gestalten kann, lässt sich gut am Ansprechen meiner Person erkennen. Prinzipiell bin ich Stefan, allerdings wird von offizieller Seite, beispielsweise beim Einführungskurs für FSA, das „Sie“ empfohlen. Ich habe mich an die offizielle Restriktion versucht zu halten, aber es ist meines Erachtens schwierig durchzusetzen. Der Assistent soll ja gerade das jugendliche, betont andere Element des Unterrichts darstellen. Durch das Siezen wird jedoch dieser Aspekt untergraben bzw. es wirkt unfreiwillig komisch. Wer kennt nicht das absurde „Frau Müller, kommst Du mal?“ aus seiner Schulzeit? Daher gehen viele Klassen stillschweigend auf das „Du“ über, auch da die Lehrer mich immer duzen und mit Vornamen anreden.
Auch in der Unterrichtspraxis wandelt sich meine didaktische Rolle wie ein Chamäleon seine Farbe. Es gibt Stunden, in denen ich der absolute Protagonist bin und der italienische Lehrer das Klassenbuch um diverse Einträge erweitern kann. Genauso gut kann es möglich sein, dass ich bei Stunden mit mündlichen Befragungen der stumme Beisitzer bin, der ab und zu nur ein „Stimmt“ von sich gibt.
Diese Beispiele zeigen, dass der Assistent mit dem Lehrer steht oder eben auch fällt. Man gibt als FSA ein wenig die Verantwortung ab, was natürlich einerseits entlastet, aber auch Abhängigkeiten schafft. Ein Tutor, der keine Unterstützung bietet, kann den Assistenten in viele Verlegenheiten bringen und auch das Verhältnis zu den Schülern erheblich stören. Der FSA wird als Laie oder ignoriertes Element vor der versammelten Klasse zum Deppen gemacht. Wenn ich alleine und eigenverantwortlich unterricht, kann ich dies wesentlich klarer steuern, auch wenn dies nicht heißt, dass es immer gelingt. Bei allem Halli-Galli wie Konversation oder Spiele, suchen nämlich auch die Schüler im Assistenten eine Autorität, eine allerdings nett daherkommende Autorität.

Es weihnachtet sehr

Irgendwie tue ich mich mit Ideen beim Thema „Weihnachten“ schwer. Klar, man könnte viele Sachen durchführen, vor allem Singen oder Erzählen, was man in Deutschland so zu Weihnachten treibt. Aber die Behandlung des Themas sollte nicht nur ein netter Zeitvertreib darstellen („Ah, in Deutschland backt man zu Weinachten Kekse! Toll!“), sondern auch ein paar sprachdidaktische Früchte tragen.
Daher habe ich mich vom grandiosen Michael Kessler inspirieren lassen und eine Folge seiner Knigge-Serie didaktisiert. Die Schüler schauen das Video an und müssen die Nummern der Abschnitte den Beschreibungen auf dem Arbeitsblatt zuordnen. Dies kann als Vorentlastung bezüglich des Weihnachtsvokabulars durchgefürt werden. Ergänzend (vor allem, wenn die Schüler ein höheres Niveau haben) könnte gefragt werden, ob die Schüler andere Ideen für „Regeln“ haben. Aufpassen sollte man beim dritten Teil des Videos, der vielleicht etwas pietätlos ist und somit nicht für jede Schülerseele geeignet ist.

Unterkunft gesucht…

Heute mal keine schul-philosophische Diskussion, sondern etwas ganz Handfestes in Bezug auf den Deutsch-Unterricht. Für Einheiten zum Oberthema „Unterkunft“ habe ich zwei Arbeitsblätter erstellt, die zunächst für ein Spiel eingesetzt werden können. Eines ist für Wohnungen ausgelegt, das andere für kurzfristige Unterkünfte.
Die aufgeführten Anzeigen werden zerschnitten, gemischt und je einem Schüler zugeordnet. Wie auf einem Markt müssen sich nun die richtigen Pärchen finden. Danach habe ich das komplette Arbeitsblatt für alle Schüler ausgeteilt und wir haben das unklare Vokabular geklärt sowie nochmal die Zuordnung verdeutlicht. Eine leicht modifizierte Methodik habe ich beim Hotel-Arbeitsblatt angewendet. Dort sollten die Schüler zunächst in Stillarbeit Vokabular in den Anzeigen finden, das in die entsprechenden Kategorien passt. Damit alle Schüler den gleichen Stand am Ende haben, haben wir die Sammlung am Ende der Einheit gemeinsam durchgeführt.

Im Technikwunderland

Das Treffen der italienischen FSA in Rom stellte sich auch ein Sammelsurium wunderbar-trauriger Anekdoten dar. So wurde von Servern in Lehrer-WCs oder fehlenden Steckdosen in Klassenräumen berichtet, vorwiegend von den Assistenten aus den südlicheren Regionen. Ich hätte zu gern auch eine solche Geschichte zu Protokoll gegeben, allerdings ist meine Schule in technischen Belangen schlichtweg großartig. Dazu einige Fakten:

    Im Lehrerzimmer gibt es acht Rechner mit Internet-Zugang, Drucker-Anschluss und ein Haufen guter (und meist freier) Software. Zudem sind diese Kisten auch sehr schnell, im Vergleich zumindest mit den PCs, die ich von der Universität so kannte.
    Ich wollte letztens ein paar A3-Poster für eine Veranstaltungsankündigung aufhängen. Deswegen bin ich ins Sekretariat gegangen und habe gefragt, ob sie mir eventuell die Kosten dafür erstatten. Abfahrt, wird nicht gemacht, wir haben selbst einen Plotter! Die Qualität war mehr als ordentlich, eher sollte ich mich mal intensiver mit Gimp auseinandersetzen, um gewisse Artefakte sauberer auszubügeln.
    Zudem ist generell der persönliche Support exzellent. Man kann jederzeit zu den beiden Angestellten der Schule hingehen und das jeweilige Anliegen vorbringen.

Einziger Wermutstropfen: Es gibt in Italien kein Polylux oder für meine nicht-ostdeutschen Leser Overhead-Projektor. Welche drastischen didaktischen Konsequenzen dies hat, werde ich vielleicht mal in einem späteren Artikel erörtern.

Speisekarte für unseren Schul-Imbiss

Eine kleine Ergänzung zu dem Mensa-Artikel: Für den Imbiss-Stand, der während der großen Pause die Schülerschaft versorgt, habe ich eine deutsche Speisekarte erstellt. Es ist vermutlich eher ein Tropfen auf den heissen Vokaben-Stein, aber es stand mal in einem Handbuch für die PAD-Assistenten und ich fand die Idee fast schon obskur-interessant.
Genug Laufkundschaft gibt es auf jeden Fall, nicht nur wegen der leckeren Snacks, sondern wohl auch aufgrund des Verkäufers, der in unnachahmlich sympathischer Manier die Leckereien an den Mann (oder die Signorina) bringt. Ich muss mal ein Foto von ihm machen, dann ist das auch für Aussenstehende verständlich.

Landeskunde multimedial

Damit die Schüler nicht nur schnöde Karten und Lückentexte zur Geographie Deutschlands zu sehen bekommen, wollte ich mit Videos ein bißchen Leben in die Sache bringen. Über youtube habe ich weitestgehend nur komischen Kram gefunden, daher war die Rettung mal wieder die Seite der Deutschen Welle. Seit kurzem gibt es dort das Angebot „Hin & Weg“, das verschiedene Städte und Regionen Deutschlands vorstellt. Teilweise übernehmen sogar Ausländer die Funktion des Reiseführers, was der Sache einen zusätzlichen Pep verleiht.
Ich habe zu den Filmchen (sie sind ausnahmslos weniger als fünf Minuten lang) über München, Hamburg, Essen und Weimar ein kleines Arbeitsblatt erstellt. Es gibt natürlich wesentlich mehr Videos zur Auswahl, auch zu im Ausland weniger bekannten Regionen. So kennt man in Italien gewöhnlicherweise nur Berlin und München, die Jungs vielleicht noch zusätzlich die Städte mit wichtigen Fußballvereinen. Mit den Videos der DW kann man dieses Wissen auch um eine Nicht-Fußball-Komponente ausbauen.

Ohne Mensa ist alles doof

Unser Schulgelände könnte auch ein Teil einer osteuropäischen Universität während der 1980er Jahre sein, also in Bezug auf die faulig anmutende Bausubstanz, welche einen gemeinhin trüben Charme versprüht. Zu diesem äußerlichen Makel gesellt sich auch ein innerer Mangel: Es gibt keine Mensa. Die basale Versorgung der schulischen Zöglinge ist natürlich durch Automaten diverser Süßwarenhersteller gesichert. Ebenso wird im großen „Intervallo“ ein kleiner Stand aufgebaut, an dem in lauthalsiger Börsen-Manier Panini und Pizza den Besitzer wechseln.
Allerdings kann man hier zum Beispiel kein Mittagessen einnehmen. Das Essen in deutschen Schulmensen mag oft grausam sein, allerdings erfüllt die Örtlichkeit immer noch die Funktion eines „Schmelztiegels“. Lehrer (also zumindest diejenigen, die wollen) und Schüler treffen sich in einem etwas zwangloseren Rahmen und können kurzzeitig das Hierarchie-Korsett lockern. Zudem entspannt die Einnahme der Mahlzeiten ein wenig den hektischen Ablauf eines Schultages.
Dies alles fehlt hier. Es gibt eine große Pause, in der das Schulhaus einer Großraumdisko gleicht. Ansonsten sind die Schüler in ihren Klassenräumen und sollen ja nicht woanders im Gebäude herumlungern. Und nach der sechsten Stunde heisst es „Ab nach Hause“ und dort steht schon die frische Pasta mit Ragù bereit.

Die digitale Kluft im Klassenzimmer

Für ein Projekt sollten meine Schüler ihre E-Mail-Adressen auf einer Liste notieren. Kurz die Auflistung durchgeschaut und einmal kurz gestutzt, „Ich habe nicht“ wurde dort in die Zeile für die Adresse eingetragen. Sein Banknachbar hat circa 700 „amici“ bei Facebook und Marco hat keine Mail-Adresse.
Ich war selbst ein wenig baff und wusste zunächst gar nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich wollte eher nach dem „Warum“ fragen, aber ich habe kein Recht dazu: Ein E-Mail-Postfach ist immer noch etwas anderes als eine Postanschrift. Vor zehn Jahren haben nur picklige Nerds Mail genutzt, jetzt ist es allgegenwärtig, allerdings nur scheinbar.
Marco ist ein guter und aktiver Schüler, mit ihm macht Unterricht Spaß. Ich würde gerne wissen, ob es etwas mit seiner Netzabstinenz zu tun hat. Ab nächster Woche werde ich es herausfinden: Wir richten zusammen eine E-Mail-Adresse für ihn ein.