Auf dem Tablett

Plötzlich in der Pause werde ich von meiner Lehrerin angesprochen, dass in wenigen Minuten eine Klasse einer anderen Schule bezüglich des Schulwechsels und der damit anstehenden Sprachenwahl im linguistischen Labor sein wird. Krampfhaft überleben wir, wie wir Lust auf Deutsch bei den Schülern wecken können. Vielleicht ein Lied?
Es bleibt keine Zeit, wir müssen sofort in den Raum, die Spanisch-Lehrerin hat bereits ordentlich Werbung gemacht. Also was machen wir? Erstmal erklären, dass Deutsch nicht schwer ist und dann wird die lustige Vokabelkiste ausgepackt – Kartoffel, Vater, Mutter, Schweinsteiger – die Schüler können ja schon so viel Deutsch, ohne es bereits gelernt zu haben. Vielleicht hätten wir noch das deutsche Menü von McDonalds rezitieren sollen. Von schwachen & starken Verben oder Präpositionen erzählen wir jedoch lieber nichts.
Selbst in dem Fall, dass jetzt viele dieser Schüler Deutsch lernen wollen, frage ich mich, ob wir uns einen Gefallen damit tun. Wird nicht ein Großteil der Schüler nicht nach zwei, drei Jahren angekotzt im Klassenzimmer sitzen und in die innere Migration gegenüber Deutsch eintreten? Mich hat das Aufzeigen von Potemkischen Dörfern angeekelt, was für ein Bild von Schule wird hier vermittelt? Vielleicht sollten wir demnächst einen Marketing-Experten einer Privat-Hochschule anstellen, der uns für die Akquise von Neukunden behilflich sein kann.

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Schule zu zweit

Nach der Unterrichtsstunde ist vor der Unterrichtsstunde. Ich bin in das italienische Nachhilfelehrer-System eingedrungen. Dies hört sich nicht atemberaubend an, ist aber gar kein allzu leichter Schritt.
Es gibt einige Unterschiede zum System in Deutschland. So gibt es beispielsweise für die Schüler, die mit einer „5“ das Halbjahr abschließen, mehr oder weniger verpflichtende Zusatzstunden im jeweiligen Fach, vom Fachlehrer aus. Dies kann abstruse Konsequenzen haben, da italienische Lehrer in der Regel nicht astronomisch viel verdienen und die Extra-Stunden natürlich bezahlt werden. Bei meinen Lehrern ist dies meines Erachtens jedoch überhaupt nicht der Fall. Sie empfinden die Zusatzstunden eher als Belastung, da man diese ja auch nicht mit den Top-Schülern verbringt und somit Erfolgserlebnisse relativ rar gesät sind.
Durch die Verpflichtung zur Teilnahme an Zusatz-Stunden kann sich auch kein florierender Markt an Lerninstituten etablieren und somit sind die offiziellen Anlaufstellen für potenzielle Nachhilfelehrer schwierig zu finden. Entweder muss man persönliche Kontakte ausspielen und/oder diverse Anzeigen schalten. Bei mir haben beide Wege zum Erfolg geführt. Ich muss mich dabei mit ganz unterschiedlichen Schülern auseinandersetzen, eine Germanistik-Absolventin, eine Schülerin am Sprachen-Gymnasium und ein 13-jähriger Schüler, der noch kein Wort Deutsch kann. Im letzten Fall steckt vor allem der Vater dahinter, der seinem Sohnemann die Schönheit und Nützlichkeit der deutschen Sprache (metaphorisch gemeint) vor Augen halten möchte. Prinzipiell begrüßenswert, aber irgendwie tut mir der Kleine leid. Will ein 13-jähriger Bub in seiner Freizeit wirklich Deutsch lernen? Vielleicht sollten wir lieber nur ein wenig Fußball spielen und ich bringe ihm dabei einige elementare Bolzplatz-Vokabeln bei…

Bergstunden

Gestern war der Auftakt für die „Monte Ore“ an unserer Schule und ich konnte mich als Torwart in einer Mannschaft des Calcetto beweisen. Drei Gegentore habe ich gefangen (aus meiner Sicht unhaltbar) und dazu einen (unberechtigten) Strafstoß verursacht. Ich war beeindruckt von den technischen Fertigkeiten der Schüler, zudem waren sie äußerst fair. Das habe ich von Hallenturnieren in Deutschland anders in Erinnerung.
Ansonsten habe ich auch ein bisschen etwas von historischen Ursprüngen dieser Projekttage erfahren. Als Erbe der 68er sollten diese Stunden eigentlich wöchentlich genutzt werden, um gemeinsam über die Entwicklung und die Probleme der Schule zu reden. Allerdings liess das politische Interesse rasch nach und so wurde es vor allem ein Treffpunkt zum Chillen & belanglosen Plaudern. Jedoch einfach abschaffen ging nicht, da die Stunden den Schüler durch ein Gesetz zugesichert werden. Insofern wurde diese Stunden zu einem Berg gehäuft und werden nun innerhalb von wenigen Tagen abgearbeitet. Nichtsdestotrotz gibt es viel Kritik an diesen Projekttagen, von allen Seiten. Sowohl Lehrer und Schüler würden m.E. lieber in den Klassen regulären Unterricht verfolgen. Eine Deutsch-Klasse von mir hat sogar um die Fortführung der normalen Lektionen während der „Monte Ore“ gebeten. Dem wurde auch stattgegeben und insofern stehe ich meiner Calcetto-Mannschaft in einem möglichen Finale wohl nicht zur Verfügung, da ich zu der Zeit fiktive Lieferbestellungen mit meinen Schülern schreiben muss.

Zu modern?!

Gestern gings wieder in den Deutsch-Kurs der Ältesten des Liceo. Es ging um den Expressionismus, in Kunst und Literatur. Meine dortige Lehrerin hatte dafür einen dafür ein sehr spartanisches Arbeitsblatt vorbereitet. Dies umfasste die zeitlichen Eckdaten & wichtigsten Merkmalen im Fließtext und einen tabellarischen Vergleich zwischen frühen und späten Expressionismus. Ich hatte dagegen ein Arbeitsblatt, welches sich exemplarisch von Munchs „Der Schrei“ sowie dessen Kopie bei den Simpsons zu den Ideen des Expressionismus hervortasten sollte. Jenes sollte schließlich durch eine Analyse von Hoddis‘ „Weltende“ untermauert werden.
Meine Betreuerin machte wieder ihre speziellen Bemerkungen dazu: Sie sei unmodern und nicht mehr am didaktischen Zahn der Zeit, ich stelle quasi das Gegenteil dar. Ich mag solche Sprüche nicht, was soll ich darauf antworten? Ich bin gewiss kein Methodik-Fanatiker und habe überhaupt nicht daran gedacht, meine Betreuerin aufgrund ihres simplen Arbeitsblattes in ihrer Reputation abzustufen. Im Gegenteil, ich frage mich, ob das nicht vielleicht die Schüler wollen. Kein ironisch angehauchter Schnick-Schnack und offen formulierte Fragen, sondern klare Anweisungen zum Lernen am Nachmittag. Wann, wer, was, wo – wir sind froh.

Der Anfang vom Ende

Es ist Halbzeit bzw. es wäre Zeit für ein Bergfest. Die Hälfte meines Aufenthalts als Fremdsprachenassistent ist passiert und mich beschleicht langsam aber sicher das Gefühl, dass Ende Mai die Zeit an meiner Schule vorbei sein wird. Die Anzeichen verdichten sich auch, dass ich kaum noch regulären Unterricht mit meinen Schülern haben werden: Nächste Woche sind beispielsweise verkappte Projekttage, die jedoch weitestgehend von Schülern organisiert werden. Meine Tutoren sind dahingehend relativ skeptisch, ich finde jedoch die dargelegten Angebote recht spannend. So werde ich sicherlich die Gelegenheit nutzen und ein bißchen bolzen gegen den Catenaccio beim Calcetto. Neben anderen künstlerischen und musikalischen Angeboten gibt es übrigens auch einen Playstation-Kurs, der bestimmt recht rege besucht werden wird.
Die Woche darauf fahren die Quartas nach Polen, da fallen auch einige Klassen für mich weg. Und danach wiederum gibt es bestimmt haufenweise mündliche und schriftliche Kontrollen, die kaum noch Luft für entspannten Unterricht lassen. Dies ist sicherlich ein wenig schade, andererseits öffnet es die Augen für die grau(sam?)e Schulrealität und lässt jegliche universitär angelegte Naivitäten bezüglich Unterricht rasch verschwinden.

Il mondo di Facebook

Einer der ersten Rückmeldungen, die ich bei unserem Tanden-Projekt erhalten habe, war die Frage, ob auch Facebook für die Kommunikation genutzt werden werden. Einige Schüler finden sogar, dass E-Mail nicht mehr zeitgemäßig ist und auf jeden Fall über Facebook kommuniziert werden sollte.
Facebook zieht die heutige Schülergeneration in ihren Bann. Was früher der Jugendklub oder die Bushaltestelle war, ist jetzt die digitale Plattform. Die Aktivität, die die Schüler dort zeigen, würde man sich manchmal auch im Unterricht wünschen: Sie lesen & schreiben emsig, interagieren, zeigen sich offen, um neue Freunde zu gewinnen. Ich würde gerne wissen, wieviele Stunden sie im Durchschnitt bei Facebook verbringen. Aus meiner beschränkten Perspektive wage ich zu behaupten, dass es wohl mehr als eine Stunde pro Tag ist. Fast jeder meiner Schüler ist bei Facebook registriert, eine Nicht-Teilnahme ist mutig.
Was treibt aber die Schüler zu Facebook? Selbstdarstellung ist sicherlich eine wichtige Komponente. Je mehr Freunde man hat, desto höher ist der Status. Das war schon zu meinen analogen Zeiten so. Einige Schüler haben um die 700 Freunde. Ich hätte schon Probleme, 70 Freunde namentlich zu nennen.
Erstaunlich finde ich, wie offen die Schüler ihre Gefühle in den Äther rausposauen. Öffentliche Liebesbekundungen, auch von Jungs, gehören zum täglichen Facebook-Geschäft. Dies spricht aber auch für ein Kommunikationsdefizit im nicht-digitalen Leben. In der Schule und vermutlich auch im Elternhaus kann man über solche Themen nicht offen reden. Insofern ist ein Ventil wie Facebook vielleicht gar keine schlechte Angelegenheit.

Die Deutschen sind zu nett

Heute war Krisensitzung im Büro der Direktorin. Meine Deutsch-Lehrer und ich waren dort, um die schwierige Lage des Deutschen an unserer Schule zu erläutern. Wie im Lied „Zehn kleine Jägermeister“ der Toten Hosen fallen jedes Schuljahr sowohl die Anzahl an Deutsch-Stunden als auch die an Personal für den Deutsch-Unterricht. Aus dem ewigen Duell Deutsch vs Französisch hat sich ein Dreikampf entwickelt, mit dem rasanten Newcomer Spanisch. Im Gegensatz zum Deutschen ist Spanisch cool, einfach und wird von vielen Menschen überall auf der Welt gesprochen. Insofern ist es verständlich, wenn sowohl Eltern als auch Kinder lieber Shakira als Udo Jürgens nachsingen möchten.
Szenenwechsel: Wir sind eine Stunde in unserer Touristik-Klasse oder besser gesagt mit ihr im PC-Pool. Die Schüler sollen ein Programm für eine Wochenend-Reise nach Berlin erstellen. Verzweifelt hangeln sie sich von den Beförderungsbedingungen des BVG zu den Sonderkonditionen der Jugendherbergen, bis sie endlich das rettende Symbol, eine Flagge, finden. Die meisten Seiten sind ins Englische und auch teilweise Italienische übersetzt. Wozu sollte man dann Deutsch lernen, denken sich die Schüler insgeheim. In der Tat ein toller Service, der sicherlich mehr Touristen nach Berlin lockt, aber für Deutsch-Lehrende im Ausland eher zweifelhafte Konsequenzen hat.

Servus, München!

Derzeit bin ich in einer Phase, in der ich den Schulalltag zunehmend als „alltäglich“ betrachte. Es entwickeln sich Routinen, man erspart sich manchmal den in der Universität ausgeprägten Perfektionismus und sieht ein, dass manche fein ausgeklügelten Sachen schlichtweg „Perlen für die Säue“ sind.
Dennoch freue ich mich, dass der Unterricht nicht in der Monotonie erstickt. Im Gegenteil, derzeit gibt es kleine Fontäne von Ideen für den Unterricht und diesmal nicht von mir, sondern von meinen Lehrerinnen. Beispielsweise machen wir in einigen Klassen Handels- und Reisedeutsch und das ist nicht gerade der Bereich, der mich so brennend interessiert. Die Schüler sind hingegen anderer Meinung, sie schreiben lieber eine Reklamation über eine kaputte Küchenuhr als eine Interpretation über eine Kurzgeschichte von Borchert.
Nun gut, diese Schüler sollen sich auch mal richtig austoben und werden vermutlich diese Woche zu Organisatoren einer Reise nach München. Mit allem Drumherum wie Zeitplan, Kostenaufstellung etc. Dazu werden wir einen der vielen Informatik-Räume aufsuchen und sie werden andere Seiten als Facebook und Youtube kennenlernen. Und damit alles klar ist, gibt es natürlich auch eine schriftliche Aufgabenstellung.