Mit der heißen Kartoffel unterwegs

In einigen Klassen habe ich mir wohl schon den eher zweifelhaften Ruf erworben, der Kreuzworträtsel-Assistent zu sein. Es bietet sich allerdings auch oft an, da ich meistens im Einsatz bin, um den Wortschatz der Schüler wieder auf Vordermann zu bringen. Und da ist ein simples Kreuzworträtsel oftmals ein profanes Mittel, um die Motivation der Schüler in ergiebige Maße zu schrauben. Ein beidseitiges Arbeitsblatt habe ich zum Beispiel letztens für unsere Rom-Heimkehrer erstellt.
Für viele der hier mitlesenden Pädagogen wird es ein alter Hut sein, dass ich solche Sachen meistens mit Hot Potatoes erstelle. Für den Rest ist dies jedoch eventuell eine interessante Möglichkeit, schneller Lückentexte, Zuordnungsübungen und Rätsel für die verehrte Schülerschaft zu erstellen.

Eltern-Invasion

Eine meiner Betreuerinnen hatte mir für den letzten Freitag den Hinweis gegeben, das Kino-Projekt lieber ausfallen zu lassen. An diesem Tag standen alle Lehrer unserer Schule für die Fragen der Eltern zur Verfügung und somit blieb kein Kellerloch im Schulgebäude mehr frei. Das Konzept ist prinzipiell nicht schlecht, schließlich kann man sich als Elternteil viele (aber auch meist relativ gleichlautende) Meinungen über den Nachwuchs einholen. In Deutschland ist es ja meist nur der Klassenlehrer, an den man sich bei Fragen wendet. Der Kontakt zu den einzelnen Fachlehrern ist eher sporadisch ausgeprägt und wird nur im Notfall intensiviert.
Überrascht bin ich immer wieder, wie viel Einfluß die Eltern im italienischen Schulleben haben. Einem Schüler wurde von meiner Lehrerin angedroht, dass seine Dummheiten an die Eltern verpetzt werden. Ein anderer Schüler meiner jüngsten Klassen (um die 15 Jahre) freute sich tierisch, dass sich fast alle Lehrer positiv über ihn gegenüber seiner Mutter äußerten. Komisch für mich, in dem Alter habe ich mich eher genervt gefühlt, wenn sich die Eltern in meinem Schulumfeld bewegt haben.
Bei italienischen Schülern sind diese Rebellionspotentiale fast gar nicht ausgeprägt. Man merkt das auch schön im stinknormalen Unterricht. Die Schüler suchen prinzipiell die Autorität des Lehrers und nehmen meist das hin, was ihnen angeboten wird. Ein Hinterfragen, schon aus purer Lust an der Provokation und der Demontage, findet nur selten statt. Einerseits sichert das eine relativ stabile Unterrichtsatmosphäre, andererseits fehlt mir oft die Würze einer kontroversen Diskussion. Meine Lehrerinnen stehen beispielsweise absolut in dieser Tradition. Sie bringen Kuchen mit oder fragen, wie es der Mutter geht. Ich mag diese persönliche Nähe, aber sie baut meines Erachtens eine Art Hyper-Harmonie auf, die den Schülern die kritische (und manchmal auch ablehnende) Distanz zur älteren Generation wegnimmt.

Idee für den Wandertag

Für diejenigen Lehrpersonen, die mit Ausflügen ins lokale Naturkundemuseum keinen Schüler mehr hinter dem Ofen hervorlocken können, kann ich nur den Standard-Ausflug unserer Schule empfehlen: Zum nächstgelegenen Flughafen fahren und innerhalb eines Vormittags werden die Schüler zu Sicherheitsexperten im Luftfahrtsektor ausgebildet. Der Hit ist – falls es das an jedem Flughafen gibt – der Besuch des Falkners und dessen Schützling. Letzterer sorgt dafür, dass im Luftraum des Airports keine unliebsamen Vögel ihr Unwesen treiben. Die ganz Mutigen haben sogar die Gelegenheit, den Falken auf ihren schmächtigen Armen zu spüren.
Dieser Ausflug wird an unserer Schule gefühlte 30 Mal pro Schuljahr durchgeführt. Vielleicht sollte ich demnächst mal einem Vogelkäfig im Klassenzimmer aufkreuzen, um die Motivation der Deutsch-Schüler auf Flughöhe zu steigern.

Auf Diät

Gestern hieß es mal wieder Konjunktiv II üben. Dieses grammatische Thema ist recht dankbar, da man schnell ein Haufen witziger Aufgaben nach dem Schema „Was wäre, wenn…“ konstruieren kann und somit das Einpauken nicht so schnell ermüdend wird.
Eine Aufgabe der letzten Stunde hat mich jedoch stutzig gemacht. Darin wurde gefragt, was man einer Freundin empfehlen würde, die zu dick ist. Dies hat mich in einige Schwulitäten gebracht, da eine Schülerin der Klasse recht füllig ist. Wie geht man also mit solchen Fragen um, die die Persönlichkeit einer Schülerin direkt angreifen könnten?
In dem Kontext von gestern habe ich schlichtweg die Schülerin außen vor gelassen. Jedoch habe ich auch Klassen, in denen neun von zehn Schülerinnen (dicke Jungs gibts nicht in meinen Klassen) übergewichtig sind. Was macht man da? Die einfachste Lösung wäre sicherlich das Ignorieren der Frage. Allerdings war das gestern schlecht möglich, da meine Betreuerin mich direkt gebeten hatte, die Aufgabe mit den Schülern durchzuführen. Es würde mich auch interessieren, was sich die Lehrbuch-Autoren bei der Formulierung gedacht haben. Soll bei der Behandlung des Konjunktivs gleich eine Typ-Beratung („Wenn ich du wäre, würde ich mal zum Dermatologen gehen.“) durchgeführt werden?

Murphy ist immer dabei

Als pädagosicher Anfänger stellt man sich viele Dinge des Unterrichtsalltags zu einfach vor. Beispielsweise biete ich ja einmal pro Woche die Möglichkeit an, einen deutschen Film anzuschauen. Dafür gehen wir natürlich in einen Informatik-Raum mit Beamer und Leinwand. Alles scheint bestens vorbereitet, allerdings lauern die Tücken im Detail. Vor zwei Wochen war zum Beispiel ein Kabel im Eimer, beim letzten Mal hatte ich eine ähnliche Vermutung, allerdings war nur Aus-Schalter am hinteren Teil des PCs eingeschaltet.
Ich bin sicherlich kein Computer-Dummy, aber solche Defekte müssen erstmal entdeckt werden und fressen demnentsprechned viel Zeit & Nerven. Bei freiwilligen Projekten ist dies vielleicht nicht so dramatisch, nerviger wird es dagegen bei obligatorischen Unterrichtsstunden, bei denen am Ende ein entsprechendes Resultat stehen sollte. Einmal setzt das Internet aus, dann wird von den Schülern die erstellte Datei in einem temporären Ordner gespeichert, so dass es in der kommenden Stunde nicht mehr verfügbar ist. Ich sehe das (als Assistent kein Wunder) eher sportlich, aber für meine der Technik eher skeptisch eingestellten Lehrer hingegen ist es eine wunderbare Bestätigung, dass man doch besser beim simplen Kassettenrekorder bleiben sollte und von YouTube & Co. die Finger lassen sollte.

Leerlauf

Momentan ist die Zeit angebrochen, in der meine Unterrichtstätigkeit ständig unterbrochen wird, vor allem durch Klassenfahrten. Nächste Woche fährt ein Großteil der „Quintas“ nach Prag, im Schlepptau auch eine meiner Lehrerinnen. Vor zwei Wochen waren es die „Quartas“, die in Krakau und Auschwitz die „Viaggio della memoria“ verbracht hatten.
Insofern dezimiert sich mein Programm kontinuierlich, da wir auch kaum Reservestunden für mich parat haben. Wir hatten schon erhebliche Probleme, die zwölf als Pflicht angesetzten Stunden zu finden. Jedoch muss man auch sagen, dass meine Tutorinnen sehr verständnisvoll sind. Ich pendele zwischen Schul- und Wohnort und sie haben es mir erspart, eine erste Stunde zu übernehmen und so um halb sieben frierend an der Bushaltestelle warten zu müssen.
Ich glaube sowieso, dass ich der einzige Teil des Lehrkörpers ist, der öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Im Gegenteil, man würde einen Lehrer fast schon schräg anschauen, wenn er mit dem Bus oder dem Zug zur Schule käme. Oft ist es auch notwendig, da viele der Lehrer nach dem Unterricht einen privaten Taxi-Service haben. Vor allem natürlich für die Kinder, die von der Schule abgeholt werden müssen und dann zu den jeweiligen musikalischen oder sportlichen Aktivitäten gebracht werden. Insofern weiß ich nicht, ob diese künftigen Erwachsenen auf das Auto verzichten wollen, wenn sie es von Kleinauf nur als essentiell kennengelernt haben.

John Dewey & der Konjunktiv

Am Dienstag habe ich wieder Rio Reiser genutzt, um den Konjunktiv schmackhaft zu machen. Nach der Analyse des Liedes sind wir wieder natürlich zur Frage gekommen, was die Schüler ändern würden, wenn sie ‚Könige‘ wären. In den anderen Klassen kamen vorher meist die üblichen materialistischen Verdächtigen (Geld, Autos,…) oder allumfassende Mutter-Theresa-Gedanken.
Neu war am Dienstag jedoch die Referenz auf die Schule, aus der sich schließlich eine interessante Diskussion entwickelte. Die Schüler (des Liceos zumindest) wollen durchaus in die Schule und lernen, aber andere Dinge, vor allem ‚praktische‘ Sachen: Zeichnen, Singen, Nähen, wobei letzteres auch ein wenig von den Mitschülern belächelt wurde. Aber es zeigt sich deutlich der von Dewey grandios beschriebene Hunger nach Erfahrung und Selbstbestätigung, den die Schüler verspüren. Gerade deswegen bewundere ich ihre Geduld, mit der sie den italienischen Pauker-Unterricht 36 Stunden pro Woche ertragen. Ein Schüler zeigte mir sein faustdickes Philosophie-Buch, gewichts- und inhaltsmäßig gut gefüllt mit Galilei, Descartes, Hume und Locke. Ich frage mich, wie sie es gefunden hätten, wenn sie den zukünftigen Wissenschaftlern so präsentiert worden wären.