Rammstein zum Grand-Prix

Für die Abschluss-Stunden haben wir noch einmal Jeopardy aufleben lassen, allerdings habe ich dafür fast alle Fragen modifiziert. Allgemein war ich beeindruckt, wie ernst teilweise die Schüler dieses Quiz nehmen und richtigen Wettbewerbsgeist aufleben lassen. Bei der Durchführung des Quiz war die Rubrik ‚Musik & Sport‘ am interessantesten. Boris Becker kannte beispielsweise niemand. Da war immer die Ausrede, dass seine großen Erfolge vor der Geburt der Schüler waren. Pink Floyd hören jedoch fast alle, ergaben meine direkten Rückfragen (was vielleicht auch besser ist als umfangreiche Kenntnisse über Boris Becker). Bei den Fragen zu Jan Ullrich und Mozart gab es ab und zu richtige Antworten.

Keine Schwierigkeiten konnte ich dagegen bei der Rammstein-Frage notieren. Obwohl sie in Deutschland nicht so der Reißer sind, kennt sie zumindest in Italien fast jeder Teenager. Am Mittwoch hat mir beispielsweise ein Mädchen beim mündlichen Goethe-Examen stolz verkündigt, dass sie zum Rammstein-Konzert nach Verona fahren wird. Insofern würden sich eventuell die Diskussionen um den deutschen Nummer-1-Song für den Grand Prix erübrigen, wenn man einfach mal Rammstein starten lässt und sich dann auf die europäischen Teenies (und falls nötig, ihre Erziehungsberechtigten) verlässt.

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Prima di andare via

Jetzt ist es also soweit, meine letzte Woche an der Schule bricht an. Beängstigend ist für mich der Umstand, dass ich die Zeit als Assistent an einer italienischen Schule schon im Voraus vermisse. Man übertüncht die Stunden, die eigentlich fürs Klo waren und erinnert sich vor allem an die vielen Lacher und Schmunzeleien während der Lektionen. Meine Tutoren und ich sind in den letzten Tagen auch beängstigend gut gelaunt, dumme Einwürfe werden mit einem allwissenden Grinsen abgewiegelt.  Ich werde mich jedoch nach der kommenden Woche in vielen kleinen Punkten umgewöhnen muss:

  • Es gibt wieder eine geordnete Schlange beim Brötchen-Verkäufer. In den letzten Monaten war das vor allem ein Wettbewerb, wer am lautesten schreit und sich am elegantesten auf den Verkaufstisch lehnen kann.
  • Die Schüler nutzen ihre Arme, um einen Unterrichtsbeitrag anzukündigen. Bisher galt die Devise „Reinrufen“ oder „Vom Lehrer aufrufen lassen“.
  • Ich bin nicht mehr die entscheidende Instanz bei Fragen wie „Prof, posso andare in bagno?“.
  • Wahrscheinlich wird es an meiner nächsten Schule keinen Wechselgeld-Automaten mehr geben, welcher mir für 10 Euro zwanzig 50-Cent-Stücken auswirft.
  • Ich werde nicht mehr zu den aktuellen deutsch-italienischen Fußballrivalitäten befragt.
  • Es gibt keine Schüler mehr, die mir von ihrem „zio“ erzählen, der seit den 60er Jahren in einer westdeutschen Industriemetropole wohnt.
  • Das Schultor wird sich nicht mehr durch einmal anklingeln und den Ausruf des Codewortes „Sí“ öffnen lassen.
  • Ich werde weniger kribbelbunte Rucksäcke mit Klack-Verschlüssen sehen, für die ich zu meiner Zeit am Gymnasium verprügelt worden wäre.

Nö, war schon schön hier, keine Frage.

Durchfallen verboten

Am Montag war ich mit meiner Tutorin sowie fünf Schülerinnen bei den Goethe-Prüfungen für das Niveau B1. Es war ein netter Ausflug in vielerlei Hinsicht: Lehrer und Schüler lernen sich auch mal außerhalb des Schulhaus-Muffs kennen, zudem wurden die Prüfungen in angenehmer Atmosphäre durchgeführt und es lief eigentlich für jeden einzelnen unserer Prüfungskandidaten recht gut. Die endgültigen Ergebnisse erhalten die Schüler jedoch erst in rund einem Monat.

Meiner Tutorin ist aufgrund des positiven Verlaufs auch ein kleiner Stein vom Herzen gefallen, da selbst das Scheitern einer Schülerin schon ein Problem darstellen würde. Schließlich hat jede Teilnehmerin rund 60 Euro für das Ablegen der Prüfungen ausgegeben und das sollte sich schon rentieren. Bei einem Durchfaller hat meine Tutorin bereits mit einer Sprechstunden-Attacke der betroffenen Eltern gerechnet: Durchfallen verboten!

Ich prüfe übrigens ab und zu selbst bei solchen Examen und den Mitarbeitern des Goethe-Instituts geht es ähnlich wie meiner Tutorin. Es wird generell schon recht großzügig geprüft und wenn es dann doch einen Prüfling erwischt, kommt es oft zu mühseligen Auseinandersetzungen mit Lehrern und Eltern um die „puntini“. Für das Goethe-Institut, das mit diesen Zertifikaten vor allem einen positiven Beitrag zur Verbreitung der deutschen Sprache verfolgt, gilt also auch die Devise: Durchfallen verboten!

Für mich stellt sich daher die Frage: Ein Durchfaller bei einer Prüfung ist sicherlich kein schönes Erlebnis, aber soll es deshalb zu einem Tabu degradiert werden?

Zum Status quo an den italienischen Schulen

Wer sich einen Überblick über die derzeitige Situation an den italienischen Schulen und insbesondere über die Lage der Lehrer machen möchte, dem kann ich nur diesen Artikel in der „Repubblica“ empfehlen. Fernab von der aktuellen Reformdebatte um Gelmini beleuchtet er vielschichtig, unter welchen Bedingungen heute in Italien an der Schule gelehrt und gelernt wird. Die Daten entstammen einer Studie, die seit 1990 alle zehn Jahre an italienischen Schulen jeglichen Typs durchgeführt wird. Hier einige markante Punkte, die man auch gerne im innereuropäischen Kontext beleuchten könnte:

  • Die individuelle Motivation der Lehrenden: Rund 80 % der angestellten Lehrer würde wieder den gleichen Beruf ergreifen. Gegenüber der letzten Studie ist damit eine Steigerung um rund zehn Prozentpunkte festzustellen und dieser Anstieg gilt ausnahmslos für alle Schultypen. Mit knapp über 60 % wird die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Hauptmotivation für das Engagement als Lehrer angegeben. Rund drei Viertel der Befragten gab an, dass „Berufung“ und nicht praktische Gründe (viel Freizeit, sicherer Arbeitsplatz,…) zur Wahl des Lehrerberufs führten.
  • Die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen: Insbesondere an der „scuola media“ (für Kinder im Alter von 10 bis 14)  ist eine massive Überalterung des Lehrkörpers festzustellen (70 % der Lehrer ist über 50 Jahre alt). In den unteren Schultypen fällt die enorme „femminilizzazione“ der Lehrerschaft auf. Als allgemein problematisch empfunden wird die verzögerte Einstellungsdauer in den Schuldienst sowie die im europäischen Vergleich niedrigen Gehälter.
  • Lehren und Lernen bei Lehrern: Kurz gesagt fühlen sich die italienischen Lehrer fit in ihrer jeweiligen Materie, aber nicht im Unterrichten. Neun von zehn Lehrern haben keinen „corso di specializzazione“, das italienische Äquivalent zum Referendariat, absolviert. Interessant ist auch der Umstand, dass ein Großteil der Lehrenden Computer & Internet besitzt, diese jedoch ausschließlich zur Vorbereitung des Unterrichts benutzt werden, allerdings nicht während der Stunden. Der Artikel spricht auch von einer Rückkehr des Frontalunterrichts, ohne dies jedoch genauer zu spezifizieren. Zu notieren ist außerdem, dass die Hälfte der Lehrer sich ohne objektive Maßstäbe zur Bewertung der Schülerleistungen fühlt und somit vor allem den Fortschritt und das Bemühen des einzelnen Studenten als wichtigstes Kriterium des Lernerfolgs heranzieht.

Saturday morning fever

Im Gegensatz zu Deutschland ist in Italien auch am Samstag Schule. So hat mein persönlicher Lehrplan einen Drift in Richtung Wochenende, da ich von Donnerstag bis Samstag mit zehn Unterrichtsstunden gut ausgefüllt bin. Prinzipiell ist Unterricht am Samstag sicherlich keine schlechte Idee, da die Schüler sich beispielsweise am Freitag kaum abfüllen können, wenn sie am nächsten Tag um 8 pünktlich in der Schule sein wollen.

Nun ergeben sich in der Praxis jedoch einige Schwierigkeiten, die am Sinn des samstäglichen Unterrichts zweifeln lassen:

  • Die Stunden am Samstag werden als erster Unterrichtstag für Extra-Aktivitäten „geopfert“. Eine Klasse von mir hatte in diesem Kalenderjahr folgende Veranstaltungen, die jeweils in meine Samstagsstunden fielen: Referat über Alkohol am Steuer, Fotoausstellung über den Mauerfall, Erste-Hilfe-Kurs, Podiumsdiskussion über die italienische Verfassung, Erholungstag nach einer Klassenfahrt,…
  • Viele Schüler haben Hobbys wie Fußball (männlich) und Volleyball (weiblich), spielen in Klubs und am Samstag sind üblicherweise die Ligapartien. Hier gibt es also oft Kollisionen mit den letzten zwei Unterrichtsstunden.

Durch den Samstag ist der Unterricht an den anderen Wochentagen schon um 13 Uhr beendet. Allerdings frage ich mich, ob mit einer entsprechenden Mittagspause nicht noch zwei Stunden zu machen sind und damit der Samstag hinfällig werden könnte. Zudem könnte dadurch die enorme zeitliche Spannung aus dem Schulalltag genommen werden. Es ist nicht gerade leicht, organisatorische Angelegenheiten mit Schülern in 15 Minuten Pause abzuwickeln, insbesondere wenn sie aus verschiedenen Klassen kommen.

Allerdings fehlt für eine solche Änderung zunächst die Infrastruktur (es gibt beispielsweise keine Mensa im Gebäude, die gleichzeitig als Aufenthaltsraum dienen könnte) und zweitens ist auch fraglich, ob der Wille der Lehrer und Schüler dafür gegeben ist. Viele Lehrer haben Kinder und halten es für selbstverständlich, ihre Zöglinge von der Schule abzuholen, ihnen das Mittagessen herzurichten und sie zu den Aktivitäten am Nachmittag zu begleiten. Auch die Schüler sind diesen Takt gewohnt und empfinden beispielsweise Unterricht nach 13 Uhr als Bestrafung (in der Tat gibt es am Nachmittag nur die „lezioni di recupero“, also Nachsitzen bei schlechten Noten). Daher erscheint es zweifelhaft, ob in Zukunft der Samstag als Unterrichtstag wegfallen wird, da hierfür auch ein grundlegender Mentalitätswandel notwendig wäre.

Nicht nur glotzen II

In letzter Zeit ist das Kinoprojekt leider etwas eingeschlafen, was sicherlich mehrere Gründe hat: Einerseits hält langsam der Sommer Einzug, welcher die Schüler eher an die frische Luft zieht. Zur gleichen Zeit geht allerdings auch die Schule in die Endphase und das heißt nochmals Kräfte bündeln für die doch beachtenswerte Anzahl von mündlichen und schriftlichen Leistungskontrollen. Zudem haben wir innerhalb der Deutsch-Fachschaft mit unseren Nachmittagskursen für die Goethe-Prüfungen dafür gesorgt, dass die Schüler auch mal Abstand zu den Fremdsprachen suchen müssen.
Dennoch will ich euch natürlich die Arbeitsblätter der letzten Filme nicht vorenthalten. Wie man sicherlich an meiner Auswahl merkt, bin ich ein großer Fan von Fatih Akin:

Mutti ist immer dabei

Beim Blog von niemehrschule kann man einen gut pointierten Beitrag zur Rolle der Eltern in der heutigen Schullandschaft lesen. An meiner Schule (oder vielleicht auch in ganz Italien) haben die Eltern ebenfalls einen besonderen Status, über den ich mich bereits vor einigen Monaten geäußert habe.
Das Vertrauensverhältnis zwischen mir und meiner Tutorin ist nun schon so weit, dass wir selbst ihre Elterngespräche reflektieren. Dabei merkt man, wie die Eltern die Schulpolitik mitbestimmen oder es zumindest versuchen. Beispielsweise gibt es derzeit das Problem, dass kaum neue Deutschklassen aus jüngeren Jahrgängen nachkommen und insofern die vorhandenen Kurse gehalten werden müssen. Es gibt nun eine Liceo-Klasse, die ein hohes Niveau hat und bei der ich auch generell den Eindruck hatte, dass alles in Butter ist. Jedoch kamen letztens zwei Mütter zur Sprechstunde und kokettieren damit, dass ihre Töchter eventuell kein Deutsch mehr ab dem kommenden Schuljahr lernen wollen. Dies war für meine Lehrerin ein Schock, da dies eine Klasse weniger bedeuten könnte und außerdem die Schüler relativ interessiert in den Stunden waren. Eine Mutter wollte sogar mit der Direktorin über die Situation im Kurs reden. Ich frage mich, was mit solchen Nebelkerzen erzielt werden soll? Den Druck auf die Lehrer erhöhen, noch bessere Noten zu geben?
Vor allem würde mich interessieren, wie die Kommunikation zwischen Eltern und Kind verläuft. So haben wir für einige der oben genannten Schüler arrangiert, dass sie ein externes Sprachexamen absolvieren können und dafür können sie auch an einem von uns organisierten Vorbereitungskurs teilnehmen. Dieser ist jedoch schon zwei Mal ausgefallen, da ein Großteil der Schüler andere Fächer lernen musste. Jetzt kommt die ehemalige (!) Deutschlehrerin dieser Klasse auf mich zu und berichtet von einer aufgeregten Mutter, die sich daher Sorgen um das erfolgreiche Abschneiden beim Examen macht. Vielleicht sollte sie mal ihre Tochter fragen, warum es keinen Kurs gab und nicht direkt die „höhere Instanz“ aufsuchen.
Im Übrigen sind die Lehrer in der Rolle als Eltern auch nicht viel besser. Wenn sich eine Lehrerin Sorgen macht, ob 30 Euro Handy-Guthaben für die Klassenfahrt nach Tschechien reichen werden, kann man sich vorstellen, welche SMS-Regen auf die drei Kinder zu Hause fallen wird.

Hauptsache durchkommen

Wenn man mal bereits vorab eine Stunde – vielleicht zu Demonstrationszwecken – gegen die Wand fahren lassen möchte, kann ich seit gestern einen todsicheren Tip geben: Man spricht am Anfang der Stunde über die geschriebenen Leistungskontrollen, ohne sie allerdings auszuteilen. Sowohl Schüler („Habe ich eine Vier?“) als auch Lehrer („Ich habe nur einen Blick darauf geworfen, die Note steht noch sicher“) tappen im Dunkeln und nerven sich gegenseitig.
Die Reaktionen der Schüler waren im Allgemeinen zweigeteilt und hingen von den Nebelkerzen des Lehrers ab: Eine gute Andeutung erzeugte Zufriedenheit und Zurücklehnen, die andere Reaktion war innerlich aufgeladene Wut und Blockadeverhalten. Jedoch hatten beide Arten der Rückmeldung zur Folge, dass sich die Motivation für das Bearbeiten der eigentlichen Stundeninhalte gegen Null entwickelte.
Ich bin aber auch immer überrascht, wie minimalistisch sich die Schüler bezüglich ihrer Noten verhalten. Ihr einziger Bezugspunkt ist oftmals ausschließlich „sufficiente“, also in Deutschland wäre das eine „“4“. Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, waren selbst unmotivierte Schüler nicht nur auf „Sein oder Nicht-Sein“ fixiert.