Alles viel zu modern

In den letzten drei Wochen hatte ich das Vergnügen, an einer Privatschule bei einem Sommerkurs Deutsch-Unterricht zu geben. Eine solche Umgebung ist auch ein Spielfeld für die Lehrenden, da die Niveau-Unterschiede innerhalb eines Kurses beträchtlich ausfallen können. Man stößt auf Schüler unterschiedlicher Nationalitäten, deren Lernprogression sich deutlich unterscheiden kann. Andererseits kann man aber auch mal abseits vom Lehrplan ein wenig experimentieren, also Themen und Methoden ausprobieren, die im konventionellen Unterricht kaum Platz haben.

So habe ich einige Sachen eingebaut, die wohl dem Bereich der „Neuen Medien“ zugeordnet werden können d.h. vor allem Filme, Videos, Spiele und Lieder über den Beamer und den Laptop laufen und dann entsprechende Übungen machen lassen. Weiterhin sollten die Schüler ein Multimedia-Projekt über ihren Sommerkurs erstellen, beispielsweise in Form eines Videos. Insgesamt lief gerade der letzte Part recht gut, wenn man die üblichen technischen Inkompatibilitäten mal außen vor lässt. Interessanter fand ich, wie die anderen Lehrkräfte und auch einige Schüler auf den Einsatz von Multimedia reagierten. Zwar ist eine gewisse Achtung vor der Nutzung dieser Methoden festzustellen, andererseits wird deren Nutzen oftmals in Zweifel gezogen; lieber eine Seite Grammatik mit Lückenübungen durchgehen als „so ein Video machen lassen, die sollen ja schließlich Deutsch lernen“. Ich glaube, dass dies ein Aspekt ist, der gerade in den fachdidaktischen Forschung mehr berücksichtigt werden sollte. Wesentlich mehr Lehrer als gedacht hegen eine tiefe Skepsis gegenüber „Neuen Medien“ und verkennen deren unterstützende Funktion, beispielsweise Schreibprozesse in Gang zu setzen. Ich kam mir jedenfalls ein wenig wie „Don Quijote“ vor und empfand die Grundhaltung meiner Kollegen als fast schon beängstigend. Wie soll man – ohne Hintergedanken  und Versagensängste – innovativ arbeiten, wenn das Umfeld sehr skeptisch und destruktiv gegenüber dem Einsatz neuer Methoden eingestellt ist?

Jetzt präsentier dich mal

Eine Tätigkeit, die jeder Fremdsprachenassistent am Anfang machen muss, ist die Vorstellung seiner Person sowie das Kennenlernen der Schüler. In meinem Fall liefen die Präsentationen meistens ziemlich okay ab, jedoch merkte man manchmal die Verkrampfung auf beiden Seiten. Im Rahmen meines Sommerkurses habe ich deshalb in Bezug auf diese Thematik einige Methoden benutzt, die ursprünglich aus der Jugendarbeit stammen und sich sowohl als erheiternd als auch strukturierend entpuppten.

Eine spielerische Vorstellungsmethodik besteht darin, Stichworte über die Lehrerpersönlichkeit an die Tafel zu schreiben (wie „27“, „Jena“, „Fußball“…) und die passenden Fragen von den Schülern formulieren zu lassen. Eine andere Idee könnte so aussehen, eine gewöhnliche Lehrer-Präsentation durchzuführen, welche jedoch eine falsche Information enthält. So können sich selbstverständlich auch die Schüler vorstellen. Die Aufgabe besteht natürlich darin, das falsche Detail zu finden. Falls sich die Schüler noch nicht kennen, kann man auch sehr gut ein Gesten-Kofferpacken durchführen lassen. Jeder Schüler nennt seinen Namen und macht eine Geste und benennt sie gegebenenfalls („Ich bin Stefan und ich fahre ein Auto – ‚Brum'“).

Die Gemeinsamkeiten dieser Methoden sind die Steigerung der Schüleraktivität bei der Präsentation sowie die mögliche Anwendung auf fast alle Niveaustufen.

Spaß mit Artikeln

Auch bei drögen Themen wie der Systematisierung von Artikeln nach Genus ergeben sich manchmal sehr heitere Momente. Heute hatte ich davon zwei besondere:

  • Wörter auf -or haben in der Regel einen maskulinen Artikel. Normalerweise kommen dann sofort Beispiele wie Professor oder Doktor, diesmal aber Traktor von einer slowakischen Schülerin, was sofort Erinnerungen an meine Landjugend weckte.
  • Der sächliche Artikel findet unter anderem Anwendung bei Wörtern mit -ma, welche einen griechischen Ursprung haben, also zum Beispiel Thema oder Drama. Mama oder Oma gehören leider nicht dazu, davon musste ich jedenfalls einen anderen slowakischen Schüler überzeugen.

Ansonsten plädiere ich ganz energisch für Schulen mit Strandbars und Badematten für jeden Schüler.

Wie man Lehrer in Italien werden kann

Das italienische Schulsystem hat einige komplexe Ecken und eine davon ist sicherlich die Lehrerausbildung. In Deutschland gibt es dafür mE eine relativ klare Struktur: Man entscheidet sich meistens vor dem Studium, ob man Lehrer werden möchte und studiert dann die anvisierten Fächer. Nach dem ersten Staatsexamen geht es in den Vorbereitungsdienst, der mit dem Zweiten Staatsexamen abschließt und somit – Maßnahmen der Weiterbildung mal ausgenommen – die Lehrerausbildung abschließt.

Ein großer Unterschied zu Deutschland ist der Umstand in Italien, dass es keine Studiengänge für Lehrämter gibt. Man macht also seinen „laurea“ in der Fachwissenschaft, ohne didaktisch-pädagogisches Brimborium (Praktika, Kurse) an der Universität. Weiterhin konnte sich noch kein Referendariat etablieren, zumindest nicht in der Form, in der es in Deutschland regelrecht exerziert wird. Zwar gibt es seit rund zehn Jahren die „scuole di specializzazione“, allerdings sind diese derzeit aufgrund mangelnder Lehrerstellen schlichtweg eingefroren worden. Im vorigen Jahrhundert wurden die Lehrerstellen vor allem mit Hilfe sogenannter „concorsi“ vergeben. Dies stellten Wettbewerbe dar, welche die fähigsten Aspiranten mittels Tests von Lebenslauf und Fachwissen filterten. Eine pädagogische Verifizierung wurde jedoch kaum vorgenommen. Insofern mussten sich die Schüler Italiens darauf verlassen, dass fachliche und didaktische Kenntnisse auf dem gleichen hohen Niveau liegen. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Unterricht in Italien generell sehr klassisch gehalten wird und diese Tradition oftmals nur von Absolventen der „scuola di specializzazione“ gebrochen wird.

Zwischen den didaktischen Welten

Jetzt habe ich auch räumlich das italienische Schulsystem verlassen und mich nach den üblichen Brückentagen (Heimfahrt, Wochenende) wieder an die fachdidaktische Lektüre gemacht. Durchaus zu empfehlen das Buch, auch wenn man sich eher für Italienisch interessiert, dafür allerdings leider keine Lehrwerke zur Verfügung stehen. Viele Aspekte lassen sich auch gut auf andere Fremdsprachen übertragen und damit konnte ich ebenfalls ein wenig meine eigene Tätigkeit in Italien reflektieren.
Während der Lektüre habe ich gemerkt, dass ich mich bezüglich meiner Methodik in einer konservative Richtung entwickelt habe und insbesondere die Beschreibung zu freien Unterrichtsformen mit Skepsis gelesen habe: Beschreibungen von Rollenspielen und Simulationen erschienen mir aufgrund des limitierten Wortschatzes meiner Schülers oft völlig abwegig und hätten meines Erachtens auch eher demotivierend gewirkt. Auch das Lernen an Stationen ist in italienischen Klassen überhaupt nicht üblich und würde eher wie ein afrikanischer Regentanz beäugt werden.

Meine Lehrerinnen waren fachlich fantastisch, aber aus didaktischer Perspektive hätten sie mit ihren Stunden kein deutsches Referendariat überstanden. In Italien jedoch ist es Usus, dass vor allem die Inhalte zählen und ihre methodische Aufbereitung ein Randthema darstellt. Ganz nach dem Motto: Wenn der Schüler nichts versteht, ist es seine Schuld und keine Frage der Inhalte sowie deren Aufbereitung. Vielleicht hätte ich als Assistent diesen Kreislauf intensiver stören können, aber ich wurde auch von dieser Philosophie aufgesaugt und muss jetzt sehen, wie ich mein inneres deutsch-italienische Gleichgewicht wieder herstelle.