Geisterstimmung

Eigentlich beginnen die Ferien in unserer Region erst kommende Woche. Aber seit rund zwei Wochen gibt es keine regulären Unterrichtsstunden mehr, in der Zwischenzeit waren die Schüler der Nicht-Abitur-Klassen der Oberstufe „nur“ mit Klassenarbeiten in quasi allen Fächern beschäftigt.

Ich selbst war nur ab und zu in der Schule für mündliche Prüfungen und eben heute für Formalia. Keine Menschenseele im Gebäude anzufinden, ausgenommen die Verwaltung, zwei mit dem Hausmeister quasselnde Schüler und vier Lehrer, die über den Anblick eines weiteren Kollegen fast schon erschreckt waren. Man kann sich jedoch in niederländischen Schulen auf eine Sache immer verlassen, nämlich einen stets funktionierenden Kaffeeautomaten im Lehrerzimmer.

Diese Woche passiert nicht mehr „viel“, es gibt eine Unmenge an Besprechungen, diverse Zeugnisse werden ausgegeben und das obligatorische „teamuitje“, ein Ausflug der Schulpersonals. Danach acht Wochen Ferien und dann grüßt wieder das Murmeltier.

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Diese Lehrer heutzutage

Am letzten Montag musste ich an den Artikel „Diese Jugend heutzutage…“ im Halbtagsblog denken. Ich habe an dem Morgen an einer Schule Goethe-Prüfungen abgenommen und ich war durch die höflichen Schüler sehr angetan, beispielsweise haben sie mir fast ausnahmslos die Hand gegeben (in den Niederlanden eher unüblich und ich forciere das auch nicht) und sich freundlich verabschiedet. Die Prüfungsgespräche liefen auch sehr flüssig, ich hatte nur mit vollmotivierten Schüler zu tun. Ein Gegenteil stellte eine Deutschlehrerin dieser Schule dar:

  • Zunächst beschwerte sie sich, dass sie an ihrem freien Tag Aufsicht bei der Prüfungsvorbereitung führen muss.
  • Während einer laufenden Prüfung stürzte sie ins Zimmer und fragte ohne Entschuldigung, was sie mit einem fehlenden Prüfling anstellen sollte. Ziemlich unangenehm für die Schüler, weil sie mitten in einer Diskussion waren und dadurch ein bißchen den Faden verloren haben.
  • Passend dazu auch folgender Dialog: „Kannst du hier unterschreiben?“, „Hast du einen Stift?“, „Öhm, sorry, ich glaube nicht.“, „Gut, dann kann ich auch nicht unterschreiben!“

Sicherlich kann man dieses Verhalten mit der Ausrede quittieren, dass es direkt ist. Ich bin damit nicht einverstanden, meiner Meinung nach gibt es einen Unterschied zwischen pampig/unhöflich und direkt. Falls Schüler so reagieren würden wie oben beschrieben, würde ein Großteil der Pädagogen in die Luft gehen.

Letzten Freitag konnte ich einer ähnlichen Absurdität beiwohnen: Wieder habe ich mit einer Kollegin Goethe-Examen abgenommen, nach der zugegeben recht kurzen Mittagspause kam sie mit Muffins in den Prüfungsraum und hat sie während des Gespräches genüsslich verspeist. Mal ehrlich, wie respektlos ist das gegenüber den Prüflingen? Oder muss sich ein Lehrer solche Sonderrechte leisten, um seine Autorität zu demonstrieren?

Und wieder einmal Facebook

In den letzten Wochen häufen sich die Blog-Einträge über Schüler und ihr Verhalten auf Facebook, so unter anderem bei Halbtagsblog oder Kreide fressen. Den genannten Artikeln gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit der Thematik, wie Schüler Facebook für schulische Zwecke benutzen. Meines Erachtens gebrauchen es zumindest die niederländischen Schüler recht pragmatisch, gerade in Druckphasen: Es wird dann nach Zusammenfassungen gefragt, Noten werden ausgetauscht, Wiederholungsmöglichkeiten stehen zur Diskussion, ab und zu wird auch recht derb geflucht. Oft sind auch Fotos von Klassenfahrten zu bewundern, wobei diese meist harmloser Art sind, also ohne Alkoholexzesse. Um das alles zu untersuchen, muss man auch nicht unbedingt mit den Schülern virtuell befreundet sein. Sehr viele Profile sind offen wie Scheunentore, mit Fotos und Pinnwand. Ob dies Absicht ist? Ich glaube es ehrlich gesagt nicht.

Entscheidend ist auf dem Platz

Wenn man Schüler in Prüfungen schickt, an denen man selbst als Prüfer nicht teilnimmt, fühlt man sich ein wenig wie Sporttrainer: Entscheidend ist auf dem Platz und insofern müssen die Schüler selbst ihre Leistung abrufen, Hilfe gibt es nicht mehr. Man ist auch ein wenig aufgeregt, nervös, beinahe ohnmächtig und hofft nur, dass die eigenen Schützlingen irgendwie gut durchkommen.

Bei den letzten Goethe-Prüfungen an unserer Schule ist das auch geglückt, es gab viel Lob von den externen Prüfern für die Schülerleistungen. Ich freute mich darüber, aber andererseits fragte ich mich auch: Sind das nur die cleveren Schüler, die in Prüfungssituationen ihr Können vollständig abrufen können? Oder ist die präzise Vorbereitung für den Erfolg verantwortlich, ohne die die meisten Schüler relativ ahnungslos durch das Examen geschleudert wären? So polar wie diese Fragen gestellt sind, dürfte die Lösung wohl dazwischen liegen. Wenn alle Schüler durchkommen, ist diese Frage auch nicht von hoher Relevanz. Erst beim Misserfolg kommt die Kritik und wie beim Fußball wird dann meist der Lehrer und seine Methodik in Frage gestellt. Der Tadel lässt sich schließlich auch leichter an einer Person festmachen als an einer Gruppe von spät-pubertierenden Jugendlichen. Insofern gilt also, nach der Prüfung ist vor der Prüfung.