Melotti, Calvino und der nicht bestellte Espresso

Es hat sich jetzt bei mir eingebürgert, dass ich am Sonntag oft in eines der unzähligen Museen in Neapel gehe, heute im MADRE – Museo d’Arte contemporanea DonnaREgina. Zwei Dinge fand ich dort bemerkenswert:

    • Derzeit ist im Madre eine Sonderausstellung zu Fausto Melotti zu bewundern. Melotti beschäftigte sich gerade in seinem Spätwerk intensiv mit sogenannten „teatrini“, filigran-struppige Figuren aus Kupferdraht, Stofffetzen oder selbst Dominosteinen. Einige seiner Werke waren mir bereits vor dem Museumsbesuch bekannt und zwar durch die Bücher von Italo Calvino. Merke für die Zukunft: Hin und wieder sollte doch einen intensiveren Blick auf die Beschreibung eines Buchcovers werfen.Italo Calvino - Le città invisibili
    • Neben dem inhaltlichen Aspekt war es auch interessant zu sehen, dass das Museum einen besonderen Dienst für Familien anbietet. Erst kam mir nämlich eine Horde von Erwachsenen entgegen und dann am Ende des Besuchs eine Gruppe von zappeligen Kindern, welche sich mit der ersteren Gruppe vereinte und die Bestellung eines Espressos an der Museumsbar unmöglich machte. Das Angebot des Madre: Die Eltern können in Ruhe die Ausstellungen besichtigen und die Kinder bauen in der Zwischenzeit Figuren im Sinne Melottis oder toben sich an einer riesigen Leinwand aus. So einen Service bieten nicht viele Museen an und insbesondere nicht in Italien.
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An Texte Hand anlegen

Am jetzigen Dienstag konnte ich die Gelegenheit ergreifen, an dem Workshop „Vom Umgang mit Geschichten“ von Leonhard P. Thoma teilzunehmen. Thoma hat selbst einige Bücher mit Kurzgeschichten im Niveaubereich A1 bis B2 veröffentlicht und hat diese natürlich im Rahmen des Seminars vorgestellt. Neben der Besprechung der Methodik, wie man kurze Erzählungen in den Unterricht einbinden könnte, war es auch ein besonderes Erlebnis, Thoma beim Erzählen seiner Geschichten zuzuhören. Gestik, Mimik und Phonetik passten wunderbar zusammen und füllten den Raum mit einem Lächeln. Es mag eine Binsenweisheit sein, aber wer kein Erzähltalent ausgebildet hat und in den Geschichten nur ein banales Hilfsmittel sieht, wird sich schwer tun, Schüler jeglicher Stufe für das Thema zu begeistern.

Ein erheiternder Eisbrecher war die Gruppenkreisel-Übung. Die Seminarteilnehmer wurden in Gruppen à vier Personen gesplittet und jeder erhielt einen Zettel mit dem Anfang „Ich habe geträumt, dass ich ein Hund war“. Danach sollte jeweils ein Satz ergänzt werden und das Blatt im Uhrzeigersinn weitergegeben werden, so dass ein neuer Satz von einem anderem Teilnehmer hinzugefügt werden konnte. Am Ende (in unserem Fall nach fünf Minuten) standen also pro Gruppe vier verschiedene Storys, die wiederum innerhalb der Gruppe bewertet sollten. Thomas gab hier einen sehr nützlichen Hinweis: Jedes Gruppenmitglied sollte „seine“ Geschichte vorlesen, mit dem Vorteil, dass dadurch kein chaotisches Gewusel in der Gruppe entsteht und auch die Produkte eine entsprechende Wertschätzung finden.

Ansonsten ging der Kurs breit auf die unterschiedlichen Möglichkeiten ein, eine Kurzgeschichte als Impuls für weitere Schreibe- und Redeanlässe einzusetzen. Im Reader war dazu unter anderem ein „Handlungskasten“ aus dem Aufsatz von Bernd Kast („Literatur im Anfängerunterricht“, 1994, leider nicht online) zu finden, der gebündelt diverse Ansatzpunkte angab, wie Schüler an Texte „Hand anlegen“ können.