In der Mitte der Ferien

Jetzt ist knapp die Hälfte der Ferien vorbei und ich habe bisher relativ viel Zeit in die Vorbereitung des neuen Schuljahres gesteckt. Dies umfasst aber nicht nur die direkte Vorbereitung der Reihen mit ausgestalteten Arbeitsblättern.  Ich mag es, dass die Ferien hier ein wenig Freiheit ermöglichen, auch mal irgendwelche Aufsätze von Karl Popper zu lesen, die nicht relevant für die nächste Unterrichtsstunde sind und deshalb didaktisiert werden müssen. Die Frage „Kann ich das im Unterricht gebrauchen?“ muss ich mir nicht stellen, aber wenn trotzdem mal etwas abfällt, ist es umso netter.

Leider ist der Materialaustausch zwischen den Referendaren eher dürftig, obwohl wir im Seminar Philosophie sogar eine eigene Dropbox installiert haben. Ich glaube, dass es dafür mehrere Gründe gibt: Angehende Lehrer sind zum einen wohl doch nicht so kreativ und emsig, wie man sich das gerne vorstellen würde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie man für ein selbst erstelltes Arbeitsblatt beinahe schräg angeschaut wird und wie viel Zeit das doch kosten würde. Ein Indiz, dass der Aufwand allgemein doch eher gescheut wird. Und dann besteht das klassische Dilemma, dass die anderen Referendare nur den Rahm abschöpfen und selbst aber wenig (brauchbares) Material zur Verfügung stellen, so dass der eigene Vorteil eher gering ausfällt.

Mir wurden für das anstehende Schuljahr zwei Klassen in Philosophie und eine Klasse für Italienisch zugewiesen, was eine nette Mischung darstellt, da ich in beiden Fächern trotzdem quasi eine annähernd gleiche Stundenanzahl habe (4+5). Viele Referendare mit Geschichte im Paket haben dieses Glück nicht, teilweise müssen sie sich mit AGs abfinden oder werden durch die kümmerliche Stundenzahl des Faches (meistens zwei Stunden pro Woche) zu drei verschiedenen Klassen geschickt.

Kernige Seminare

Ich mag meinen Kernseminarleiter, denn er hat keinen leichten Job: Er muss sich um Referendare kümmern, die an verschiedenen Schulen unterrichten, die absurdesten Fächerkombinationen haben und in ihrer pädagogischen Philosophie stark voneinander abweichen.

Besonders auffällig war das bei der Sitzung zu Unterrichtsstörungen: Einige Referendarinnen wollen anscheinend einen Katalog oder vielleicht besser ein Computerprogramm, das ihnen sagt, wie sie wann entsprechend reagieren müssen. Intuition gibt es bei diesen Lehrkräften nicht. Unser Seminarleiter versuchte aber deutlich zu machen, dass es natürlich Leitideen, aber keine Patentrezepte bei Störungen gibt. Trotzdem wurden immer wieder Fragen nachgeschoben wie „Was mache, wenn in der 7- Klasse in Latein am Freitag ein Schüler sagt, dass das Arbeitsblatt langweilig ist?“. Jedoch kann man in einem solchen Umfeld nicht wirklich offen seine Meinung über solchen Frage kundtun, innerlich schwanke ich zwischen Kopfschütteln und Zynismus. Unser Kernseminarleiter wählt keinen dieser Wege und antwortet gelassen auf jene Einwürfe, meine Bewunderung für diese Ruhe.

Die Seminare sind übrigens auch kuscheliger als ich so dachte. Mit dem Kernseminar gingen wir zum Grillen in den Park und bei einem Fachseminar haben wir in der Wohnung der Seminarleiterin gekocht und gemütlich auf dem Balkon gegessen. Viel wurde über Urlaubspläne gesprochen, der typische Referendar sucht dabei zunächst die bundesweit verstreuten Freunde ab und ergibt sich dann eine Woche der Sonne Südeuropas. Könnte wilder sein, aber auch kleinbürgerlicher.

Handzeichen & Laufzettel

Kurz vor Ende des Schuljahres gab es für uns noch eintägige Zusammentreffen mit den Fachseminarleitern, zu der vordringlichsten Frage: „Wie überlebe ich die ersten Wochen im bedarfsdeckenden Unterricht?“ Unser Kernseminarleiter meinte dazu, dass wir den bdU genießen werden, trotz der vordringlichen Probleme.
Die Materialfrage ist hierbei gar nicht so zentral, schon eher die systematische Ordnung der Themenfelder. Die erste Woche wird aber sowieso eher vom Abtasten geprägt sein. In meinen beiden Fächern werde ich quasi synchron vorgehen, da es für die Schüler der erste Kontakt mit dem Fach sein wird. Es wird also keinen Vergleich geben, wie es denn in den Vorjahren so im Unterricht und mit den Lehrern abgelaufen ist (wobei das vielleicht sogar zu meinen Gunsten ausgefallen wäre).
Eine nette Idee zum Abklopfen der Schülerschaft scheint das Hand-Zeichnen zu sein: Die Schüler müssen eine Hand (meistens ihre linke) auf einem leeren Blatt nachzeichnen und auf dem Mittelhandknochen wird eine Frage notiert („Was fällt dir zu Italien ein?“). In den Fingern werden dann Stichwörter notiert, Auswertung in der Klasse erfolgt dann nach Belieben, wobei sich bei einer kleinen Lerngruppe das Anheften der Zeichnungen an die Tafel lohnt.
Gerade habe ich auch einen philosophischen Laufzettel nach dem Schema „Finde einen SuS, der…“ erstellt (einer der Klassiker der Kennenlernspiele). Dafür werde ich verschiedene Versionen in die Klasse werfen, um bei der Auswertung nicht immer die gleichen Namen hören zu müssen.

School’s Out

Begrüßung heute morgen auf dem Lehrerparkplatz: „Ah, heute ist ein besonders schöner Tag um zur Schule zu gehen!“ Der Tag war sogar so schön, dass eine Polonaise von Teilen des Kollegiums aufgeführt wurde und „School’s Out“ von Alice Cooper im Lehrerzimmer hämmerte.
Ansonsten hagelte es die üblichen Fragen zur Urlaubsplanung (von Korfu über Nordholland bis hin zur lokalen Dauerpflege der dementen Mutter) und zur Klassenverteilung im folgenden Schuljahr.
Gestern gab es noch zwei Verabschiedungen von altgedienten Kollegen und hier hätten alle gut getan, sich dem Luther’schen Grundsatz der kurzen Rede zu verpflichten. Erheiternder Einwurf aus dem Publikum auf die Frage, warum der Kollege im Schuljahr 1975 doch nicht die fest eingeplante Stelle antreten konnte: „Er war schwanger.“
Danach gab es vollmündige Bratwürste, zu wenig Kartoffelsalat und drei alkoholfreie Weizen. Kurz vor Ende meines Rundgang an die Kollegen („Schöne Ferien allerseits!“) wurde ich noch von einem Kollegen angesprochen, ob wir zum Holen von Hochprozentigen mit Hirschgeweih und Zigaretten an die nächstgelegene Tankstelle fahren könnten. Im Innenhof war es noch länger laut.