Anleitung

Ich hatte dieses Jahr einen Erdkunde-Kurs in der Klasse 10. Die Schüler schreiben in dieser Jahrgangsstufe auch zum ersten Mal eine Klausur in Erdkunde, davor wird maximal mit Tests abgefragt. Anfängerfehler und Stöhnen bei der Korrektur sind also garantiert. Deshalb habe ich mich auf Paul Watzlawick besonnen und den Schülern vor der Klausur eine Sammlung von „Tipps“ mitgegeben, mit denen sie die Klausur auf jeden Fall „gegen die Wand“ fahren, hier eine Auswahl:

  1. Ich gebe eine wirre Loseblattsammlung ohne Hefter oder Aktendulli ab.
  2. Mein Atlas liegt zu Hause auf einem Stapel unter dem Schreibtisch gleich neben der 2-Liter-Flasche Discounter-Cola.
  3. Ich lasse 0,03 cm Rand für Korrekturen. Das Knicken der Blätter in der Mitte ist mir zu aufwendig.
  4. Wenn ich ein Wort nicht richtig schreiben kann, schmiere ich es einfach undeutlich hin. Der Leser wird es schon aus dem Kontext herleiten können.
  5. Ich lese die Aufgabenstellung möglichst oberflächlich durch und schreibe direkt los. Strukturierende Notizen hindern nur den Schreibfluss, außerdem will ja der Lehrer die Klausur nochmals verwenden, oder?
  6. Aus dem Material zitiere ich direkt und reichlich, natürlich ohne Kennzeichnung mit „…“ und ohne Materialverweis (M …). Eigenständige Umfor­mulierungen werden überschätzt, viva „Copy & Paste“!
  7. Schwierige Fachbegriffe sind eine Erfindung der Glossar-Industrie und verstehen sich ohne Definition von selbst.
  8. Rechtschreibug, und Grammatik, brauche ich in Erdkunde nicht.
  9. Ich lege mir einen Fundus an Füllwörtern an, die je nach Bedarf meine Gedanken an Signifikanz aufblasen oder meine mangelnde Argumentationsfähigkeit übertünchen: „halt“, „mal“, „ja“, „eigentlich“, „doch wohl“, „nun mal“, „nicht unerheblich“, „diesbezüglich“, „zudem“, „hierfür“, „hiernach“, „hierbei“, „nunmehr“, „offensichtlich“, „augenscheinlich“, „eindeutig“, „zweifellos“, „wohl“, „eben“
  10.  Stichpunkte
    • weniger schreiben 🙂
    • „roter Faden“ –> ja irgendwie schon
  11. Themenbezogene Absätze und Teilüberschriften erzeugen ein Mehr an Papier und sind zum Schutz des Regenwaldes zu vermeiden.
  12. In der Stellungnahme (Aufgabe 3) gebe ich nochmals die Inhalte wider, die schon in den vorhergehenden Aufgaben angeführt habe. Das fülle ich mit hohlen Phrasen („Beide Seiten haben ihre Berechtigung.“) und subjektiven Gefühlen („Das finde ich nicht richtig.“) auf, fertig ist der kommentierte Brei! Die simple Benennung der Pro-und Contra-Argumente und die daraus logisch entspringende Bewertung entsprechen hingegen einem zu rationalistischen Weltbild.
  13. Eine abschließende Korrektur der Klausur vermindert nur die Dauer der Mittagspause und erzeugt ein schlechtes Bauchgefühl.
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