Projektweise

Es wird langsam hektisch bei uns Referendaren. Bis Anfang Juni haben einige von uns noch drei Unterrichtsbesuche abzuleisten. Das ist nicht nur per se viel Arbeit, sondern erfordert gleichfalls ein Haufen organisatorisches Geschick, da der Mai mit Feiertagen und außerschulischen Aktivitäten ein äußerst zerstückelter Monat ist. Da kann ich mich glücklich schätzen, dass bei mir nur noch ein UB ansteht. Nach den Osterferien hat sich jedenfalls eine Unmenge an Arbeit angesammelt, garniert mit Hochs (fantastische Stunde im Ausbildungsunterricht beim Schulleiter, eine Schülerin von mir erhält ein Stipendium) und Tiefs (miese Stunde im Ausbildungsunterricht beim Schulleiter, grausam lange Lehrerkonferenz).

Derzeit arbeite ich in fast allen Kursen stark projektorientiert (ich mag das Wort „Projekt“ nicht, aber eine Alternative ist mir bis jetzt nicht eingefallen). Mein Kurs Praktische Philosophie beschäftigt sich mit dem Themenfeld  „Natur“, der EF-Kurs darf sich an Kulturkritik reiben und im Italienisch-Kurs lasse ich thematische Rundgänge durch Venedig erstellen. Unsere Ausbildungsleiterin meinte, dass gerade in einer solchen Spätphase des Schuljahres solche Arbeitsphasen für alle Beteiligten eine Wohltat sind, wenn die Rahmenbedingungen (Themenfindung, Zeitraum, Produkt, Rückmeldung) transparent geregelt sind. Kann ich nur bestätigen.

Bequem auf dem Sofa

Quasi mit dem Einläuten der Ferien habe ich meiner Italienisch-Anfängerklasse noch eine Schreibaufgabe mitgegeben. Da wir gerade das Thema „Venedig“ behandeln, sollten die Schüler via Couchsurfing eine Anfrage für eine Unterkunft an einen Venezianer stellen. Also ein Profil kopiert, leicht mit Gimp bearbeitet und in ein Arbeitsblatt mit erläuternden Hinweisen eingefügt. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass viele Schüler diese Reisemöglichkeit kennen und Interesse daran hätten, via CS in der Welt herumzutingeln. Pustekuchen, mir wurde gleich aufgetragen, wie gefährlich das sei, was alles passieren könnte… Eine Kollegin meinte dann auch später, dass Couchsurfing eher etwas für Studenten sei oder generell für Personen, die nicht hinter jedem Fremden gleich eine Horrorgeschichte erwarten.

Abgesehen vom realen Interesse an CS sollten die Schüler trotzdem eine Nachricht schreiben, jedoch nicht auf Papier, sondern in einem Word/OpenOffice-Dokument. Dies hat viele Vorteile, weniger Papier natürlich, aber ich schätze noch vielmehr die Korrekturmöglichkeiten mit Hilfe der Kommentar-Funktion. Wir erspraren uns das Rumgeschmiere an Seitenrändern, bei JochenEnglish werden die Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes noch wesentlich detailreicher behandelt.

Die ersten Briefe (komischerweise von eher leistungsschwachen Schülern) sind eingetrudelt und die Ergebnisse sind etwas ernüchternd, in zweierlei Hinsicht. Zum einen machen die Schüler ganz simple Fehler bei Phänomenen, die wir x-fach behandelt haben. Gut, das ist Alltag beim Fremdsprachenunterricht an der Schule. Als viel gravierender sehe ich das Problem an, dass gerade die leistungsschwächeren Schüler sich zumindest teilweise auf Google Translator verlassen und somit die Möglichkeit zur Übung verpennen. Bei eventualitaetswabe wird insbesondere auf das Problem eingegangen, dass diese Programme doch brauchbar erscheinende Ergebnisse produzieren. Trotzdem sind die Übersetzungen, gerade auf dem Anfänger-Niveau, relativ leicht zu entlarven. Wenn ein Schüler plötzlich den Konjunktiv benutzt, muss er mindestens im Zweiten Lernjahr sein. Ansonsten kennt er das Phänomen nicht, wenn er nicht gerade ein Experte romanischer Sprachen ist.

Ich finde es schwierig, konstruktiv mit diesen neuen technischen Möglichkeiten umzugehen. Google Translator ist ein mächtiges Werkzeug und kann in alltäglichen Situationen äußerst nützlich sein („Was schreibt der rumänische Reiseveranstalter da?“). Handelt es sich bei den Übersetzungen schon um Plagiate? Ich möchte eigentlich keine Klausel einbauen, die verbietet, neue Redemittel für die Bewältigung der Hausaufgabe zu recherchieren. Es wäre selbstwidersprüchlich, schließlich sollen gute Hausaufgaben das eigenständige Lernen fördern.

Hauslehrer

Im Ausbildungsunterricht beim Schulleiter zu sein kann auch manchmal heitere Momente hervorbringen. Eine Schülerin hält einen Vortrag über Thomas Hobbes und erwähnt, dass dieser auch mal Hauslehrer war. Schulleiter sitzt neben mir am Tisch und flüstert lächelnd: „Na,  sehen Sie, wenn Sie mal keine Anstellung nach dem Examen finden sollten, können Sie ja auch Hauslehrer werden.“

Modulierend

Gestern bei der Nachbesprechung des Unterrichtsbesuchs, mit Fachseminarleiterin X in der Schulkantine: „Ja, sehr schöne Stunde. Eine Sache, in meinen Kernseminar behandele ich kommende Woche das Thema „Stimme“. Sie haben heute kaum mit der Stimme moduliert. Warum? Nervös?“

Nachbesprechung einer anderen Stunde vor rund vier Monaten, Seminarleiter Y: „Ja, war halt eine Stunde mit Schwächen. Aber die Modulation ihrer Stimme ist wirklich einmalig, damit ziehen Sie die Schüler in ihren Bann!“

Gestern habe ich übrigens geantwortet, dass ich einfach „platt“ bin. War ehrlich und wurde auch so vollkommen akzeptiert.

Ansonsten merkte man gestern auch die Routine mit Unterrichtsbesuchen (oder vielleicht war es auch schlichtweg Müdigkeit). Unerwarteter Raumwechsel bei Technikeinsatz (Beamer) macht zusätzliche Mühe. Úm Stühle bittende Schüler fremder Klassen nehmen eine Minute deiner Unterrichtszeit weg. „Falsche“ Problemfragen lassen leichte Panik aufkommen, aber ich habe einfach gefragt, ob noch andere Problemfragen denkbar sind. Dann kam auch die erhoffte, die „falsche“ war im Prinzip die Leitfrage für den zweiten Teil der Doppelstunde und insofern ein großer Gewinn für den Unterrichtsgang.

Zum Einsteigen

Der typische Einstieg einer Besuchsstunde: Begrüßung, Folie aufwerfen und dann betet der Referendar innerlich, dass die Schüler im Gespräch irgendwie die Problemfrage herleiten und somit die Erarbeitung beginnen kann. Auch Herr Rau kennt dieses Szenario und wenn ich auf meine bisherigen Unterrichtsbesuche zurückblicke, lief der Einstieg tatsächlich immer über eine Folie ab. Aber dies ist vermutlich eher dem Umstand geschuldet, dass der OHP ein recht flexibles Instrument ist. Ich kann darüber natürlich den klassischen Bildimplus einwerfen, aber genauso gut Instruktionen geben, ohne für 30 Schüler ein Arbeitsblatt ausdrucken und austeilen zu müssen. Wenn der Beamer zum Standard an den Schulen gehören sollte, wird der OHP wohl seine Dominanz einbüßen und vielleicht völlig von der Bildfläche verschwinden.

Am Anfang der Ausbildung habe ich für fast jede Stunde einen motivierenden Einstieg gewählt, aber zunehmend setze ich auf wiederholend-informative Einstiege. Nicht (direkt) aus Faulheit, sondern weil die Schüler es schätzen. Gerade fleißige Schüler, die sonst eher zurückhaltend sind, können in solchen Phasen aufblühen. Und allgemein schafft es Transparenz und es entstehen bei geschickter Reihenplanung Problemüberhänge, die in der Stunde aufgegriffen werden können. Den Klassiker „Was haben wir denn in der letzten Stunde gemacht?“ habe ich übrigens bisher nur einmal scherzhaft eingeworfen, aber selbst da gab es kein Murren.

Nach dem UB

… ist vor dem UB. Vorgestern wurde ich in Philosophie abgeklopft. Kernstück war eine Amerikanische Debatte, die vom methodischen her sehr flüssig lief, aber inhaltlich nicht am Maximum war. Gute Stunde, nicht mehr, nicht weniger. Nach der Besprechung ging es direkt wieder in den Unterricht, ich fühlte mich wie ein angezählter Boxer, ziemlich platt. Aber man lernt wirklich mit der Zeit, trotz solcher widrigen Umstände noch erträglichen Unterricht zu halten.

Am Mittwoch gibt es jedoch schon den nächsten Unterrichtsbesuch, dieses Mal in Italienisch. Für den Fall gilt eigentlich der Spruch „Der Star ist die Reihe“. Die einzelne Stunde ist inhaltlich durchaus ansprechend, aber die Reihe hat mehr Feuer. Da ist es wirklich schade, dass die Seminarleiter nur zu einzelnen Brocken kommen und sich nicht einen längerwährenden Blick gewähren können.

Zur Seite gestellt

Nach den Ferien stehen innerhalb von fünf Tagen zwei Unterrichtsbesuche an. Das bedeutet also, dass die Ferien nicht völlig durchgehangen werden können, aber auf der anderen Seite finde ich es auch mal wieder spannend, eine wirklich sattelfeste Stunde bauen zu müssen. Damit verbunden ist die stetige Aufregung, dass ein übersehener Fakt die Stunde zum Einsturz bringen könnte. Diese Spannung wird mich wohl bis zum Ende der Ausbildung zum Kribbeln bringen.

An den Unterrichtsbesuchen stört mich seit kurzem der Umstand, dass mein ‚gewöhnlicher‘ Unterricht darunter leidet. Das betrifft insbesondere die inhaltliche Seite, da ich meine Kräfte für die benoteteten Stunden bündeln muss. Aber durch Vorbereitungen und Nachbesprechungen verpasse ich auch viel Unterrichtszeit. So muss ich übernächsten Freitag früher aus meinem Ausbildungsunterricht entschwinden, um den Fachseminarleiter begrüßen (und eventuell technisches Gedöns abholen) zu können. Durch die Nachbesprechung verpasse ich wiederum mindestens ein Drittel meiner Doppelstunde Italienisch, also genau die Zeit, in der man inhaltlich richtig ranklotzen könnte. Im Verhältnis ist diese verlorene Unterrichtszeit natürlich kaum erwähnenswert, aber ein Unbehagen bleibt.

Vorhersehbar

Ende der Stunde, ich gebe die Hausaufgabe durch. Die Schüler haben in der Stunde verschiedene Positionen zum Gewissen erläutert und nun sollen sie bewerten, welche die tragfähigste darstellt.

Reaktion eines Schülers: „Ich wusste, dass wir das als Hausaufgabe kriegen.“

Ist das ein Kompliment?

Überzogen

3 von 3,5 Stunden im Kernseminar sind vergangen, der Kernseminarleiter meint, dass die nächste Folie getrost übersprungen werden kann. Es steht „Pause“ auf der Folie, er hat also gut um eine Stunde überzogen. In der Zeit bis dahin haben 80 % der Seminarteilnehmer Gummibärchen verteilt, Unterrichsbesuche vorbereitet und mit einer Unmenge an Rotstiften korrigiert. Der Rest döst mehr oder weniger vor sich hin, ausgelaugt nach zerrenden Wochen mit Elternsprechtagen, Konferenzen und Tagen der offenen Tür.

Für den ToffT (hausinterne Abkürzung für den Tag der offenen Tür, ToT wurde abgelehnt) wird die Schule gern herausgeputzt, im wahrsten Sinne des Wortes. Letzten Freitag um 13 Uhr (die erste Hälfte meiner Doppelstunde läuft gerade ab) kommt eine Durchsage des Chefs, dass jetzt doch die Schule für den morgigen Tag hergerichtet werden soll. Die Schüler machen im Rahmen ihrer Möglichkeiten artig mit, aber feuchte Taschentücher im Informatik-Raum aufsammeln kann ich kaum jemanden zumuten. Meine zweite Stunde kann ich mir jedenfalls in die Haare schmieren, Schulwerbung geht in Zeiten des demographischen Übergangs vor. Den ToffT selber fand ich eigentlich sehr nett, man merkt dabei, dass so ein Schwätzchen mit den Schülern während des Alltags zu kurz kommt. Mich haben zudem einige potenzielle Neu-Gymnasiasten beeindruckt, die beim Italien-Jeopardy ihre hochmotivierten Eltern teilweise übertrumpft haben.

Kreidestaffel

Manchmal wende ich Methoden an, deren Name ich nicht kenne. Bei Italienisch (und gelegentlich auch bei Philosophie) lasse ich  Schüler an die Tafel kommen und Tabellen ausfüllen bzw. einzelne Sätze notieren. Ich wähle dazu keine Schüler aus, sondern gebe  nur ein Zeichen, dass die Tafel frei ist. Diese Phase der Sicherung gibt mir Luft, Schüler werden aktiviert und es ergibt sich meistens ein spannendes und vor allem nicht fehlerfreies Tafelbild, an dem sich Diskussionen zur Klärung der Fehler anschließen.

Seit Dienstag weiß ich, dass diese Methodik „Kreidestaffel“ heißt. Es stehen natürlich mehrere Kreidestücke zur Verfügung, die Schüler können sich ganz gut selbst organisieren, Karambolagen gibt es nie. Dumm ist nur, wenn der Lehrer die Tafelgröße schlecht einschätzt und damit eine Spalte wegfallen muss. In jenem Fall war es eine Spalte über einen Sänger, zu dem die Schüler Informationen im Internet aufsuchen sollten. Das ist ärgerlich, wenn da die Wertschätzung der Arbeit buchstäblich aus dem Rahmen fällt.