Melotti, Calvino und der nicht bestellte Espresso

Es hat sich jetzt bei mir eingebürgert, dass ich am Sonntag oft in eines der unzähligen Museen in Neapel gehe, heute im MADRE – Museo d’Arte contemporanea DonnaREgina. Zwei Dinge fand ich dort bemerkenswert:

    • Derzeit ist im Madre eine Sonderausstellung zu Fausto Melotti zu bewundern. Melotti beschäftigte sich gerade in seinem Spätwerk intensiv mit sogenannten „teatrini“, filigran-struppige Figuren aus Kupferdraht, Stofffetzen oder selbst Dominosteinen. Einige seiner Werke waren mir bereits vor dem Museumsbesuch bekannt und zwar durch die Bücher von Italo Calvino. Merke für die Zukunft: Hin und wieder sollte doch einen intensiveren Blick auf die Beschreibung eines Buchcovers werfen.Italo Calvino - Le città invisibili
    • Neben dem inhaltlichen Aspekt war es auch interessant zu sehen, dass das Museum einen besonderen Dienst für Familien anbietet. Erst kam mir nämlich eine Horde von Erwachsenen entgegen und dann am Ende des Besuchs eine Gruppe von zappeligen Kindern, welche sich mit der ersteren Gruppe vereinte und die Bestellung eines Espressos an der Museumsbar unmöglich machte. Das Angebot des Madre: Die Eltern können in Ruhe die Ausstellungen besichtigen und die Kinder bauen in der Zwischenzeit Figuren im Sinne Melottis oder toben sich an einer riesigen Leinwand aus. So einen Service bieten nicht viele Museen an und insbesondere nicht in Italien.
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Wenn ein Reisender

Ich kann mich an kaum ein Buch erinnern, bei dem mich Anfang und Ende so gut unterhielten wie bei Italo Calvino „Se una notte d’inverno un viaggiatore“  (deutscher Romantitel: Wenn ein Reisender in einer Winternacht). Zu Beginn des Buches wird der Leser direkt angesprochen, dass er gerade beginnt, den neuen Roman von Italo Calvino zu lesen. Der Leser solle sich entspannen und sich von den Dingen der unmittelbaren Umgebung ablösen, beispielsweise den Fernseher ausschalten (heute wohl eher Facebook ausmachen) und die ihn umgebenden Leute um Ruhe bitten. Was dann folgt ist ein zweigeschnittener Lektüreverlauf mit einer Binnen- und einer Rahmenerzählung. Die zehn Binnenerzählungen sind – zumindest auf den ersten Blick – zufällig angeordnete Referenzen auf verschiedene Erzähltraditionen (Kafka, Rulfo, Romantik …). Der im ersten Kapitel angesprochene Leser stößt auf die jeweiligen Erzählungen im Verlauf einer wahrhaft literarischen Reise durch Buchhandlungen, Universitätsseminare, Verlage und Bibliotheken. Quasi am Ende dieser Irrfahrt trifft der Leser auf andere Lesende und sie beginnen eine wunderbare Diskussion über das Wie und Warum des Lesens, über das spezielle Verhältnis des Lesers zu seinen Büchern. Ein Leser meint dazu:

„[…] ogni libro particolare deve trasformarsi, entrare in rapporto coi libri che ho letto precendentemente, divertarne il corollario o lo sviluppo o la confutazione o la glossa o il testo di referenza. Da anni frequento questa biblioteca e la esploro volume per volume, scaffale per scaffale, ma potrei dimostrarvi che non ho fatto altro che portare avanti la lettura d’un unico libro.“ (Calvino, „Romanzi e Racconti“, 1992, S. 866)

Beim wilden Rumstöbern nach Anmerkungen zu Calvinos Ideen bin ich auf die Seite der Initiative „Oilproject“ gestoßen. Dort findet man eine Reihe von Erklärungen zu den Schriften von Italo Calvino, selbst einige Video-Interviews mit dem Meister sind frei verfügbar. Oilproject ist jedoch nicht nur eine Fundgrube für Calvino-Liebhaber, sondern deckt als Online-Schule auch viele andere Themengebiete ab.