Muttermilch

Während meiner Vertretungsstelle habe ich zum ersten Mal mit italienischen Muttersprachlern im Unterricht zu tun. Der erste Befürchtung war natürlich, dass sie sich über mein Italienisch lustig machen werden. Passiert eigentlich nicht, die Schüler sind sehr verständnisvoll und geben an, wenn Konstruktionen ihrer Meinung nach unüblich sind. Umgekehrt gebe ich ihnen Hinweise, wenn sie schlampig schreiben, also Objektpronomen verwechseln oder den Konjunktiv unter den Tisch fallen lassen.

Problematisch ist eher die Vermittlung der Grammatik. Im Kurs des zweiten Lernjahres müssen viele neue Phänomene eingeübt werden, welche die italienischen Schüler intuitiv korrekt anwenden, aber sie können im Gegensatz zu den deutschen Schülern nicht ausreichend begründen, warum da ein direktes oder indirektes Objektpronomen gesetzt werden muss. Sollte man das dennoch einfordern? Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass sie sich bei solchen Reiheninhalten besonders langweilen.

In meinem Q2-Kurs sind drei Muttersprachler dabei, aber leider sehr viele sprachlich verunsicherte Schüler. Dadurch ergeben sich in vielen Unterrichtsphasen erhebliche Probleme: Im Unterrichtsgespräch liegt der Redeanteil bei den Muttersprachlern und in Gruppenarbeiten verlassen sich die leistungsschwachen Schüler komplett auf die „Italiener“. Eine Kollegin hatte mir empfohlen, dann eine reine Muttersprachler-Gruppe bilden zu lassen. Gar nicht so dumm, weil hier wohl das Lernen-durch-Lehren-Prinzip nicht mehr greift. Übermorgen geht es in das Museum und ich werde da wohl die Gruppen entsprechend splitten.

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Schleudergang

Das System Schule hat den Schleudergang eingestellt, also unter einem gewaltigen Tempo alles ins Trockene bringen. Diese Woche habe ich nur drei Stunden Unterricht gegeben, trotzdem waren die Tage gut bepackt.

Zwei Mal Schulmusical am Abend d.h. pünktlich zum Schminken in die Hallen eintreten, aber dann bis zur vorletzten Szene warten müssen. Und das bei sechs Aufführungen, weil die Zweitbesetzung (ein Kollege!) eingetragen ist, aber nicht zu Proben und Besprechungen kommt. Aber das Spektakel, das die Schüler initiiert haben, ist großartig, solche Mammutprojekte im Schulalltag zu entfalten ist eine Herkulesaufgabe.

Am Dienstag und Freitag standen Tagungen zu meinen Fächern an, einmal mit Fachleitern und einmal mit Referendaren als Präsentierende. In Italienisch durfte ich sogar zum Thema „Digitale Hausaufgaben“ referieren, hat Spaß gemacht, da der Austausch in einer kritisch-konstruktiven Atmosphäre stattfand. Oft habe ich den Eindruck, dass (angehende) Lehrer entweder auf Kuschelmodus getrimmt sind oder sich bestialisch ankeifen. Was mir bei solchen Veranstaltungen auch auffällt ist die Liebe mancher Referendare zu ihrem Smartphone. Da werden Taschen als Barrieren auf den Tisch gelegt, um in Ruhe Nachrichten verschicken zu können oder es wird ganz offen damit herumgespielt. Das war schon ganz skurril, als ich über den Lebensweltbezug des Themas schwadronierte und hinzufügte, dass auch viele Referendare damit ihre Erfahrungen haben.

Das Schlimmste dieser Woche war übrigens das Eintragen der Noten mit Fehlstunden, eine bürokratischere Arbeit gibt es vermutlich nicht.

Mal mündlich

Meine EF Italienisch schreibt im vierten Quartal keine Kursarbeit, sondern wird sich einer mündlichen Kommunikationsprüfung unterziehen dürfen/müssen. Dies ist seit der neuerlichen Änderung der APO-GOSt (Ausbildungs-und Prüfungsordnung gymnasiale Oberstufe) möglich.

Das Prozedere: Die Schüler werden rund 20 Minuten in einer Paarprüfung zu den zwei Teilen „Zusammenhängendes Sprechen“ und „An Gesprächen teilnehmen“ geprüft, natürlich thematisch angebunden an die Inhalte der vorhergehenden Sequenz (bei uns „Venezia“). Innerhalb der Fachschaft haben wir uns recht schnell entschieden, diese Prüfungsform schon dieses Jahr einzuführen und zwar vorrangig aus folgenden Gründen:

  • Druck: Die Schüler müssen in der Prüfung sprechen und einmal nicht schreiben. Insofern nehmen sie auch die Übungen zum Bereich „Sprechen“ ernster als sonst.
  • Abwechselung: Die Planung der Sequenzinhalte hat eine ganz andere Stoßrichtung. Schriftlichkeit ist nun ein Mittel zum Zweck und Methoden zur Förderung der Mündlichkeit werden verstärkt eingesetzt und auch angenommen. So kann ich dem Kugellager eigentlich nicht viel abgewinnen, aber in dem Zusammenhang ist das eine effektive Methode, um möglichst viele Schüler gleichzeitig ans Sprechen zu bekommen.
  • Arbeitsbelastung: Die Korrektur erfolgt sofort und nicht zu Hause, die Zeit versickert eher in der Vorbereitung der Reihe und  Prüfungsinhalte.

Für die Planung der Reihe habe ich auch zu erst einmal die Prüfungsunterlagen erstellt. Das mache ich bei schriftlichen Klausuren eigentlich nie, im Extremfall erstelle ich die Klausur am Vorabend. Bei einer mündlichen Prüfung hätte eine solche Arbeitsweise vermutlich katastrophale Folgen. Im Teil „Zusammenhängendes Sprechen“ müssen meine Schüler einen Text lesen und ein Foto beschreiben. Ohne gezielte Vorbereitung würden sie zumindest beim zweiten Unterteil erhebliche Probleme bekommen. Ganz zu schweigen vom Segment „An Gesprächen teilnehmen“, bei dem diskursive Strategien angewendet werden sollen. Redemittel und Vokabular müssen da eingeschliffen sein, ansonsten rattert das Gespräch nach zwei Minuten ganz gehörig.

Insofern ist Transparenz bei der Durchführung der Reihe absolut von Nöten, insbesondere wenn es für die Schüler die erste mündliche Prüfung in der Schulkarriere ist. Ich nutze dafür gerne eine Lernlandkarte oder auch „Advance Organizer“ genannt. Für meine Folie zu Venezia habe ich auch Tagxedo eingesetzt, eine erweiterte Variante von Wordle.

Aufstand der Kleinen

Im letzten Fachseminar Italienisch ging um die Binnendifferenzierung im Unterricht. Es wurde eine Methode für Hördialoge vorgestellt, die mehrzügig alle Schüler ins Bott holt. Sie funktioniert wie folgt:

  • Nach dem ersten Hören des Dialogs und dem Abklopfen des Globalverständnisses geht es zum Detailverständnis. Die Schüler erhalten die gleichen Fragen, jedoch in unterschiedlicher Form. Für den Dialog T2 im Lehrbuch „In piazza“ sah das so aus, dass vor allem Geldbeträge gefiltert werden sollten. Ein Teil des Kurses erhielt dazu Arbeitsblätter mit Multiple-Choice-Fragen, die besseren Schüler bearbeiteten Bögen mit Freistellen bei den Beträgen. Bei der Sicherung des Detailverständnisses konnte eigentlich jeder Schüler etwas beitragen. Interessant wird es noch, wenn man Fragen einbaut, die unbekanntes Vokabular in der Antwort beinhalten. In dem Fall waren es zwei Namen von italienischen Liedermachern. Dann überflügelten auf einmal die schwachen Schüler den starken Teil der Klasse, da die Namen nicht von diesen Schülern identifiziert werden konnten.
  • Als Abschluss habe ich ein Arbeitsblatt ausgeteilt (kann ich hier leider nicht zur Verfügung stellen), das in Partnerarbeit bearbeitet werden sollte und den Dialog in seiner Gesamtheit rekonstruiert. Das Ding war so ein bisschen wie ein Flussdiagramm aufgebaut und enthielt noch einige Leerstellen (in dem Fall das Zusammenrechnen der Beiträge).

Sehr spannende Methode, finde ich, aber natürlich auch eine immense Arbeit, das für jeden Hördialog zu erstellen. Auf der anderen Seite ist es ja kein einmaliger Aufwand, wenn in den kommenden Jahren wieder die gleichen Klassenstufen unterrichtet werden.

Compito per casa: La Gazzetta dello Sport

Das passiert so selten, deswegen muss es vermerkt werden: Ich habe mir eine wirklich sehr nette Hausaufgabe ausgedacht. Kommende Woche werden wir im Italienisch-Kurs die Nationalitäten und die Zahlen bis gefühlt unendlich behandeln. Als vertiefende Hausaufgabe sollen die Schüler die Seite der La Gazzetta dello Sport aufsuchen und dann folgende Aufgaben erfüllen: Sich bis zum Kader der eingeteilten Mannschaft durchklicken (Julia beschäftigt sich mit Napoli, Marko mit Juventus… – also keine Chance zum Abschreiben, haha), dann vier nicht-italienische Spieler auswählen und kurz beschreiben (Name, Nationalität, Trikotnummer).

Die Angst des Referendars vor der Klausur

Studienreferendarin schreibt vom beunruhigend guten Durchschnitt ihrer ersten Klassenarbeit. Ich sitze momentan an einem ähnlichen Problem, da kommende Woche meine Italienisch-Klasse an der Reihe ist: Ein zu guter oder schlechter Schnitt ist per se eine Konsequenz miesen Unterrichts oder einer miserablen Konzeption der Klausur. Und selbst in dem Fall, dass sich die Noten nach Gauss verteilen, bleibt ein fader Beigeschmack. Habe ich die Klausur so konzipiert, dass die Schüler genau in diesen Feldern landen werden? Es gibt ja auch Referendare, die die Punkte erst nach der Durchsicht einiger Klausuren gebührend verteilen.
Die Unsicherheit ist also immer da und verliert sich womöglich nur mit zunehmender Berufserfahrung. Dann werde ich auch sagen können, dass ich voriges Jahr die gleiche Klausur geschrieben habe und die Ergebnisse davon besser waren. Jetzt fehlt dieser Vergleich, aber das ist typisches Referendarsleid, wer keinen Mut zum Experimentieren hat und nicht mit den darauf entstehenden Frustrationen leben kann, wird nicht glücklich werden. Für die Klausur habe ich mich dahingehend abgesichert, dass ich a) die Klausur an Kollegen verschickt habe und b) die Schüler eine Probeversion schreiben konnten und ich per E-Mail Rückmeldung gab (die Kommentar-Funkton von Word ist dafür ganz brauchbar). Ein Drittel des Kurses nahm dieses Angebot an, vor allem Schüler aus dem „Mittelfeld“, die ganz schlechten sind gerade in der neu einsetzenden Fremdsprache wohl oft auch die faulen Schüler, die selbst solche Angebote in den Wind schlagen.

Handzeichen & Laufzettel

Kurz vor Ende des Schuljahres gab es für uns noch eintägige Zusammentreffen mit den Fachseminarleitern, zu der vordringlichsten Frage: „Wie überlebe ich die ersten Wochen im bedarfsdeckenden Unterricht?“ Unser Kernseminarleiter meinte dazu, dass wir den bdU genießen werden, trotz der vordringlichen Probleme.
Die Materialfrage ist hierbei gar nicht so zentral, schon eher die systematische Ordnung der Themenfelder. Die erste Woche wird aber sowieso eher vom Abtasten geprägt sein. In meinen beiden Fächern werde ich quasi synchron vorgehen, da es für die Schüler der erste Kontakt mit dem Fach sein wird. Es wird also keinen Vergleich geben, wie es denn in den Vorjahren so im Unterricht und mit den Lehrern abgelaufen ist (wobei das vielleicht sogar zu meinen Gunsten ausgefallen wäre).
Eine nette Idee zum Abklopfen der Schülerschaft scheint das Hand-Zeichnen zu sein: Die Schüler müssen eine Hand (meistens ihre linke) auf einem leeren Blatt nachzeichnen und auf dem Mittelhandknochen wird eine Frage notiert („Was fällt dir zu Italien ein?“). In den Fingern werden dann Stichwörter notiert, Auswertung in der Klasse erfolgt dann nach Belieben, wobei sich bei einer kleinen Lerngruppe das Anheften der Zeichnungen an die Tafel lohnt.
Gerade habe ich auch einen philosophischen Laufzettel nach dem Schema „Finde einen SuS, der…“ erstellt (einer der Klassiker der Kennenlernspiele). Dafür werde ich verschiedene Versionen in die Klasse werfen, um bei der Auswertung nicht immer die gleichen Namen hören zu müssen.

Räuberpistolen

Die letzte Woche durfte ich mich an den Schulen meiner Fachseminarleiterinnen tummeln, ein paar Doppelstunden hospitieren, diese reflektieren und teilweise eigene Einheiten planen. Hört sich nach drei entspannten Stunden pro Tag an, kann sich aber mit diskussionsfreudigen Kollegen entweder zu einer zähen oder einer spannenden Auseinandersetzung entwickeln.

Heute war wieder ein gewöhnlicher Seminartag, Kernseminar und die zwei Fachseminare. In der ersten Veranstaltung sollten wir eine erste Stunde mit einer neuen Klasse simulieren, wobei diese sich dann wieder auf die ersten fünf Minuten beschränkte. Ich war überrascht, dass sich kaum ein Referendar freiwillig meldete, insofern ging dann eben mein Finger nach oben. Für die Vorstellung habe ich eine erste Italienisch-Stunde simuliert und bei der Vorbereitung habe ich vor allem auf die Ausführungen bei der Spanischlehrerin gesetzt. Lief ziemlich geschmeidig, positiv hervorgehoben wurde vor allem der Aspekt, dass zunächst einmal inhaltliche Aspekte angesprochen wurden und nicht gleich organisatorische Dinge in die Klasse geschleudert wurden.
Ansonsten sind auch Seminarleiter vor Unterrichtsbesuchen nicht sicher, Kommentar eines anderen Referendars: „Hört das denn nie auf?“ Hoffen wir mal, dass dieser Besuch heute keinen angstmachenden Hintergrund hat, genug Räuberpistolen über heimtückische Seminarleiter sind ja schon im Umlauf.